Das große Happy End

Ausgabe 12/2020

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

Trau keinem über 30“ – das war einmal der Slogan studentenbewegter Zeiten. Damals, als die Babyboomer-Generation, angeführt und orchestriert von jungen Rebellen wie Dany (le Rouge) Cohn-Bendit in Paris und Rudi Dutschke in Berlin, auf die Straßen zog, um gegen das regierende Establishment zu protestieren.

Heute sind die Alt-68er längst selbst im Rentenalter, und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie der Geschichte, dass sich ihre einstigen Parolen nun gegen sie persönlich richten. Vokabular und Thema haben sich gewandelt, nicht aber die Botschaft an sich: Es sind mal wieder die Ewiggestrigen, die einfach nicht kapieren wollen, dass es so nicht mehr weitergeht.

Demonstrierte die „Trau keinem über 30“-Generation seinerzeit gegen den Muff von 1000 Jahren“, verborgen „unter den Talaren“, geht es der heutigen Jugend sogar noch um sehr viel mehr. Es geht ihr um die Rettung der Welt, quasi ums nackte Überleben. Weshalb Greta Thunberg, die mittlerweile 17-jährige Fridays-for-Future-Aktivistin, den Delegierten auf der UN-Klimakonferenz in New York auch so zornig und unversöhnlich entgegenschleuderte: How dare you!“


„Wie könnt ihr es wagen, uns unsere Zukunft zu stehlen.“


Wie könnt ihr es wagen, uns unsere Zukunft zu stehlen. Historisch neu ist der sich darin ausdrückende Generationenkonflikt zwar nicht. Schon in den Sturm-und-Drang-Zeiten des 18. Jahrhunderts haben die Jungen gegen die Altvorderen rebelliert – gegen ihre Politik, ihren Lebensstil und ihre Werte. Und die Beschuldigten vice versa zu mehr Augenmaß und Vernunft gemahnt. Aber niemals zuvor ging es bei diesem Konflikt um etwas so Existenzielles: um die Perspektive des Planeten, das Überleben der Menschheit an sich.

Die Frontlinie, beinahe so klar umrissen wie zwischen zwei feindlich einander gegenüberstehenden Armeen, haben die Fridays-for-Future-Aktivisten ziemlich klar gezogen. Als ihren Gegner wähnen sie eine unbelehrbare Nachkriegsgeneration, die das Raumschiff Erde an den Rand des Kollapses manövriert hat. Ein einziger Kollateralschaden, für den sie als Kinder und Enkel dereinst werden haften müssen. Als gerecht empfinden die Jungen das natürlich nicht, weshalb ihr Tadel mitunter auch so aggressiv ausfällt – übrigens bis hin zum Kinderchor des WDR.

Ende vergangenen Jahres war es, als die Redakteure des Kölner Senders für die Kleinsten im Studio ein altbekanntes Kinderlied umdichteten. Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“, beginnt das Lied in altbewährter Weise. Um danach, Pardon für das drastische Zitat, folgendermaßen fortzufahren: Meine Oma ist ne alte Umweltsau.“ In den weiteren Strophen brutzelt die böse Großmutter dann noch billiges Discounter-Fleisch auf ihrem Herd, fährt mit ihrem spritschluckenden SUV beim Arzt vor und überfährt nebenbei noch zwei Opas mit Rollator.


„Symptomatisch für den sich verschärfenden Generationenkonflikt in Sachen Klimaschutz bleibt diese musikalische Episode trotzdem.“


Ja, so einfach stellen sich die gebührenfinanzierten Redakteure beim WDR die Welt offenbar vor. Hier die Guten, dort die Bösen. Nach massiven Protesten (darunter auch von NRW-Landesvater Armin Laschet, der via Twitter kundtat, das Video habe die „Grenzen des Stils und des Respekts gegenüber Älteren überschritten“) nahm der Sender seinen Clip zwar sehr schnell wieder vom Netz und entschuldigte die Aktion als bloße Satire“, aber symptomatisch für den sich verschärfenden Generationenkonflikt in Sachen Klimaschutz bleibt diese musikalische Episode trotzdem. Was unweigerlich zu der Frage führt, wie böse die Oma denn nun tatsächlich leibte und lebte.

Anders als die 31-jährige Bloggerin Louisa Dellert (rund 428.000 Follower auf Instagram) hätten unsere Großmütter ihren Alltag wohl kaum protokolliert oder sogar ein Buch darübergeschrieben (das von Dellert heißt Mein Herz schlägt grün“). Aber so einiges, was die Sinnfluencerin ihrer Community regelmäßig rät, wäre ihnen trotzdem sehr bekannt vorgekommen. Überreifes Obst, schreibt Dellert, solle man zum Nutzen einer nachhaltigen Lebensführung zu Kompott verarbeiten, beim Kochen den Deckel auf den Topf legen und statt Limo doch lieber mal Leitungswasser trinken.


„Wer früher sparsam und damit nachhaltig wirtschaftete, tat es aus gutem Grund. Weil man Brot nun mal nicht wegwirft. Punkt.“


Das taten unsere Großmütter früher auch. Vielleicht nicht vorrangig aus ökologischen Gründen (kein Zucker, kein Plastik, kein Transport), sondern ganz einfach, weil sie das Leitungswasser nichts weiter kostete. Ebenso selbstverständlich ging die Oma mit ihrer Milchkanne zum Kramerladen. Nur hätte sie sich bestimmt sehr gewundert, wenn ein Foto ihrer Milchkanne, wären Instagram & Co. damals schon bekannt gewesen, einige Hunderttausend Likes nach sich gezogen hätte.

  • Sie glättete das Geschenkpapier vom Weihnachtsabend, um es noch einmal zu verwenden.
  • Sie füllte Spülmittelflaschen mit Wasser auf, um auch noch den letzten Tropfen herauszupressen.
  • Fleisch gab es bei der Oma vielleicht ein-, höchstens zweimal pro Woche und natürlich warf sie auch das alte Brot nicht in den Mülleimer, sondern machte daraus Arme Ritter oder Brotsalat.

Und heute? Posten die sogenannten Lohas, die ihren Lifestyle of Health and Sustainability öffentlichkeitswirksam pflegen und die Generation der Groß- und Urgroßeltern als Umweltteufel denunzieren, den gleichen Inhalt auf den sozialen Medien als Beweis ihrer vorbildlichen Lebensführung. Irgendwie merkwürdig, nicht wahr? Wer früher sparsam und damit nachhaltig wirtschaftete, tat es aus gutem Grund. Weil man Brot nun mal nicht wegwirft. Punkt.

Heute hingegen, wo alles so spottbillig geworden ist (1950 gaben die Deutschen noch 44 Prozent ihrer Lebenshaltungskosten für Essen aus, mittlerweile sind es nur noch 14 Prozent), wird aus dem Sparsamkeitsverzicht von einst ein Lifestyle-Programm. Mit dem sich im Übrigen wunderbar dokumentieren lässt, dass man selbst auf der richtigen, sprich der jungen Seite der Geschichte steht. New Economy gegen Old Economy sozusagen. Alt ist in diesem Sinne nicht länger gleichzusetzen mit klug und weise, sondern eher schon mit dement.

Genauso gut könnten die Älteren den Jüngeren mit Fug und Recht auch so einiges vorwerfen. Etwa, dass sie am Freitag für das Klima streiken, am Samstag darauf aber am liebsten schon wieder ein neues Smartphone kaufen würden. Oder dass die bei ihnen so beliebten Videoplattformen und Streamingdienste auf den heiß laufenden Servern in den Rechenzentren dieser Welt in Summe mehr Strom verbrauchen, als man früher zum Kochen benötigte.


„Entwickelt sich die Klimakrise jetzt zum Generationenkonflikt, droht die Spaltung der Gesellschaft, [...].“


Nur bringt uns diese gegenseitige Anklageschrift nicht weiter. Im Gegenteil. Entwickelt sich die Klimakrise jetzt zum Generationenkonflikt, droht die Spaltung der Gesellschaft ausgerechnet bei einem Problem, das den größtmöglichen Schulterschluss verlangt. Auf internationaler Ebene sowieso, aber eben auch im Miteinander von Jung und Alt.

Biologisch betrachtet, ist ziemlich klar, dass sich der Blickwinkel von Großeltern und Enkeln unterscheidet. Je älter man wird, desto weniger Zeit bleibt einem noch. Deshalb schauen die Älteren tendenziell lieber zurück, während die Jungen nach vorne blicken. Selbst wenn der ältere Mensch vom Klimawandel noch betroffen sein sollte, dürfte er dessen krasseste Auswirkungen qua vorzeitigem Tod nicht mehr erleben. Insofern formuliert die Jugend ihr Misstrauen gegenüber den Älteren völlig zu Recht.

Allerdings ist die Tatsache, dass jemand nur noch wenige Jahre zu leben hat, kein hinreichendes Indiz dafür, dass er nichts mehr vorhat. In einem äußerst lesenswerten Essay zu diesem Thema schreiben Rebekka Reinhard und Thomas Vašek in ihrem Philosophiemagazin Hohe Luft: „Wir leben weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Leben ist immer jetzt, für die Jungen wie für die Alten. Es ist der Punkt, in dem sich die zwei Blickrichtungen berühren, der Blick zurück und der Blick nach vorn. Erst beide Blickwinkel – zusammen ergeben ein lebendiges Jetzt, in dem vergangene und künftige Möglichkeiten enthalten sind.“

Ich glaube, sehr viel besser lässt sich kaum beschreiben, was uns helfen würde, um auch die drohende Klimakrise auf möglichst elegante Art und Weise abzuwenden. Erfahrungsschatz plus Veränderungsmut, juvenile Ungeduld, gepaart mit der Besonnenheit des Alters. Ganz einfach das Beste aus zwei Lebenswelten.

Insofern stimmt mich äußerst optimistisch, dass auch das Weltwirtschaftsforum 2021 ganz anders ablaufen soll als alle anderen Treffen zuvor. The Great Reset“ heißt das Motto des nächsten Gipfels (so wie das gleichnamige Buch von Davos-Erfinder Klaus Schwab). Und damit ist offenbar weit mehr gemeint als nur ein Neustart der Wirtschaft in den Zeiten nach Corona.


„Nach der wütenden Anklage von Greta Thunberg [...] ist das ein guter Anfang, um über Generationengrenzen hinweg endlich miteinander ins Gespräch zu kommen."


Erstmals in der Gipfel-Geschichte werden die Mächtigen aus Wirtschaft und Politik bei ihrem traditionellen Treffen in der Schweiz nicht unter sich bleiben. Tausende junger Menschen in mehr als 400 Städten weltweit sind dieses Mal eingeladen, sich über ein virtuelles Hub-Netzwerk mit den führenden Persönlichkeiten auszutauschen. Nach der wütenden Anklage von Greta Thunberg in New York ist das ein guter Anfang, um über Generationengrenzen hinweg endlich miteinander ins Gespräch zu kommen. How do you feel? statt How dare you.

Ich finde, das wäre gar nicht mal so schlecht und im Vorfeld des baldigen Festes der Liebe auch eine kalendarisch durchaus passende Handreichung. Gewissermaßen ein großes Happy End im ewigen Konflikt von Jung und Alt.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne Adventszeit und bleiben Sie gesund!

Ihr

PS
Dieser Ökonomics Investor Letter ist der letzte in dieser Form. Ich bedanke mich ausdrücklich für Ihr Feedback, Ihre Anregungen, Ihre Kritik und natürlich auch Ihr Lob. Seit gut zwei Jahren schreibe ich Ihnen nun monatlich über Perspektiven für die Welt von morgen und was Wirtschaft, Wissenschaft, die Finanzindustrie und am Ende jeden einzelnen von uns auf dem Weg einer nachhaltigen Transformation bewegt. Es ging in diesem Newsletter um grünen Wasserstoff als das Öl der Zukunft, um die Modeindustrie, die sich ökologisch gerade neu erfindet, die Retouren-Republik Deutschland und auch den Dieselskandal auf hoher See.

Nun ist es an der Zeit noch mehr in den „echten“ Zukunftsdialog mit Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu kommen. Was bietet sich hier derzeit besser an als ein Podcast. Den Anfang in unserem Ökonomics Investor Talk machten Dr. Werner Schnappauf, Vorsitzender des Rats für Nachhaltige Entwicklung, und Philipp von der Wippel, Managing Director des gemeinnützigen Startups ProjectTogether.

Weiter gehts im neuen Jahr mit Fabian Heilemann, Partner der Venture-Capital-Gesellschaft Earlybird. Zugleich ist Fabian Botschafter von Founders Pledge und Mitgründer der Klimainitiative Leaders for Climate Action. Mit ihm werde ich demnächst darüber reden, was ihn als Investor und ganz persönlich antreibt, Unternehmertum mit positivem Impact zu verbinden.

Seien Sie neugierig auf das Gespräch und bleiben Sie mir auch weiterhin gewogen.