Die Stunde der Ingenieure

Ausgabe 10/2020

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

„Press the button, we do the rest.“ Mit diesem Slogan, der schnell zum geflügelten Wort avancierte, verkaufte George Eastman zu Beginn des 20. Jahrhunderts seine legendäre Kodak Nr. 1 – eine simple Karton-Box-Kamera, die unter dem Namen „Brownie“ für Furore sorgte und die Fotowelt binnen kürzester Zeit revolutionierte. „Brownies“, das muss man wissen, sind in der englischsprachigen Welt das Gleiche, was Heinzelmännchen hierzulande sind: kleine, fleißige Wesen, die ohne viel Aufhebens lästige Arbeit erledigen. Einfach, bequem und idiotensicher. Eben frei nach dem Motto: Sie drücken den Knopf und wir erledigen den Rest.

Warum ich Ihnen das erzähle? Weil ganz viele solcher Brownies möglicherweise auch unser Klimaproblem lösen könnten. Mit anderen Worten: weil der technologische Fortschritt uns vielleicht schon bald in die Lage versetzt, die Erderwärmung doch noch zu stoppen.

Der US-Ökonom Andrew McAfee, einer der prominentesten Köpfe am renommierten MIT in Cambridge/Massachusetts, ist von dieser Idee fest überzeugt. In seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch „Mehr aus weniger“ verkündet er die ebenso freudige wie provokante Botschaft: Unser Planet wird überleben, ohne dass wir dafür Verzicht üben müssen. Denn anders als von Umwelt-Asketen oft behauptet, besitzt der Kapitalismus die genuine Fähigkeit, mit immer besserer Technologie und immer weniger Ressourcenverbrauch immer mehr Wohlstand zu schaffen. „Ich sage nicht, dass heute alles in Ordnung sei oder wir uns keine Sorgen mehr machen müssten“, schreibt McAfee. „Die vom Menschen verursachte Erderwärmung ist real und alarmierend, und wir müssen dringend wirksame Maßnahmen zu ihrer Reduzierung ergreifen ... Worauf es mir aber ankommt, ist die Feststellung: Wir wissen, wie wir diese Arbeit erfolgreich erledigen können. ... Das gibt Zuversicht.“


Ist der technologische Fortschritt, tatsächlich in der Lage, die drohende Klimakatastrophe abzuwenden?


Historisch hat der Autor seine These plausibel belegt. Sehr eindringlich zeigt er auf, wie die Propheten der Apokalypse bisher stets danebenlagen – angefangen mit Thomas Robert Malthus, der bereits 1798 den baldigen Hungertod der Menschheit wegen drohender Überbevölkerung voraussagte. Bis hin zu den Auguren des Club of Rome, die 1972 die „Grenzen des Wachstums“ beschworen und prognostizierten, dass unser Erdöl binnen 20 Jahren bis zum letzten Tropfen versiegen würde.

Nichts davon hat sich bisher bewahrheitet. Aber ist das auch eine Garantie für die Zukunft? Ist der technologische Fortschritt, flankiert von einem öffentlichen Bewusstsein für Umweltschäden und reaktionsfähigen Regierungen, tatsächlich in der Lage, die drohende Klimakatastrophe abzuwenden? Gibt es womöglich sogar eine Art von Super-Brownies, mit denen sich die drängendsten Probleme ganz einfach meistern lassen? Ein Knopfdruck und der Rest erledigt sich von selbst?

An hochfliegenden Visionen herrscht in der Hightech-Welt kein Mangel – manche davon so futuristisch anmutend wie ein Science-Fiction-Film, made in Hollywood, andere schon in der praktischen Anwendung und so marktreif wie ein saftiger Pfirsich vom Wochenmarkt. Besonders weit gehen die Vorstellungen beim sogenannten Geo-Engineering. Die Ideen der Klima-Ingenieure reichen von künstlich erzeugten Algen in den Ozeanen, die CO2 fressen, über die Manipulation des Wetters mittels selbst hergestellter Wolken bis hin zu Spiegeln oder ausgebrachten Aerosolen in der Stratosphäre, die wie eine Art Sonnenschirm wirken sollen, das Klima auf der Erde abkühlen und die Pole wieder einfrieren.

Scopex heißt ein Experiment in den USA, das in genau diese Richtung weist – ersonnen von Wissenschaftlern der Harvard University und mitfinanziert von Microsoft-Gründer Bill Gates. Vorbild des Vorhabens ist ein sehr alter und durchaus natürlicher Vorgang. Wann immer Vulkane auf der Erde ausbrechen, schleudern sie winzige Schwefelteilchen in die Erdatmosphäre und verdunkeln die Sonne. Als 1991 etwa der Pinatubo auf den Philippinen Feuer spuckte und 17 Millionen Tonnen solcher Partikel in die Wolken blies, sank die Durchschnittstemperatur auf der Erde um knapp ein halbes Grad.


„Es ist eine Technologie, von der ich hoffe, dass sie nie zum Einsatz kommt.“


Dennoch ist das sogenannte Solar Radiation Management (SRM) der Geo-Ingenieure  hochumstritten. Keiner weiß, wie sich ein derart drastischer Eingriff in das Ökosystem auswirken würde. Der Wasserkreislauf könnte dadurch negativ beeinflusst werden, die Niederschlagsmuster auf der Erde sich verändern und auch die Neubildung der Ozonschicht sich verlangsamen. „Es ist eine Technologie, von der ich hoffe, dass sie nie zum Einsatz kommt“, sagt deshalb Ulrike Niemeier, Forscherin am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg. Allenfalls als „Notfalloption“ will auch Ulf Riebesell, Meeresbiologe am Kieler Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung, einen solchen Eingriff gutheißen. Also nur für den Fall, dass es mit dem Klima „irgendwann ganz schnell schlimmer wird“.

Weit weniger umstritten ist das sogenannte Carbon Dioxide Removal, kurz CDR genannt, mit dem die Klima-Techniker das Kohlendioxid aus der Luft filtern und dann für lange Zeit binden – etwa in ausgedienten Erdgaslagerstätten. Das Schweizer Start-up Climeworks, ein Spin-off der Technischen Hochschule Zürich unter Leitung der deutschen Ingenieure Jan Wurzbacher und Christoph Gebald, arbeitet schon mit solchen CO2-Staubsaugern, ebenso Global Thermostat aus den USA oder Carbon Engineering aus Kanada. Natürlich ziehen auch Bäume CO2 aus der Atmosphäre. Aber die Climeworks-Technologie braucht Unternehmensangaben zufolge für die gleiche Leistung ungefähr 400-mal weniger Fläche. An 14 Standorten europaweit filtern die Schweizer bereits das giftige Treibhausgas aus der Luft, vollautomatisch gesteuert von der Firmenzentrale in Zürich-Oerlikon. „Wir haben die Maschinen bewusst so einfach konstruiert“, sagt Wurzbacher, „dass sie im Prinzip nur einen Ein- und einen Ausknopf brauchen.“ Also ebenso simpel, wie es der alte Eastman-Slogan verspricht. Den Knopf drücken und der Rest erledigt sich von selbst.

Aber ganz so einfach funktioniert die Sache natürlich nicht. Es bräuchte schon Millionen solcher Anlagen, um die globalen CO2-Emissionen nur ansatzweise aus der Luft zu filtern. Oder alternativ eine ganz neue Generation von Hochleistungs-Kraftwerken, die erst gar keine Schadstoffe mehr in die Luft blasen, aber weit effizienter arbeiten als die herkömmlichen Windparks und Solaranlagen.


„Sehr vereinfacht gesagt, geht es ihnen darum, im Inneren eines Fusionsreaktors eine Art Sonne auf der Erde nachzubilden.“


An dem weltweit wohl ambitioniertesten Projekt in dieser Hinsicht arbeiten Ingenieure im südfranzösischen Cadarache. International Thermonuclear Experimental Reactor“, kurz Iter, nennt sich ihr Vorhaben, das sie unter Beteiligung von Ländern der Europäischen Union, China, Indien, Japan, Russland und den Vereinigten Staaten in der beschaulichen 900-Einwohner-Gemeinde Saint-Paul-lès-Durance vorantreiben. Sehr vereinfacht gesagt, geht es ihnen darum, im Inneren eines Fusionsreaktors eine Art Sonne auf der Erde nachzubilden mit Plasma als quasi unbegrenztem Energielieferanten. Ohne radioaktiven und atmosphärischen Müll. Auf unglaubliche 100 Millionen Grad müssen die Forscher die Zündtemperatur im Inneren des Reaktors erhitzen. Aber wenn das Feuer dann erst einmal brennt, soll es auch liefern: 90.000 Kilowattstunden Energie unter Einsatz von nur einem Gramm Brennstoff.

Die Hoffnungen der Forscher sind groß, aber bis ihr Fusionsreaktor im Testbetrieb erstmals anlaufen soll, werden noch mindestens fünf Jahre vergehen. Schon heute hinkt Iter (geschätzte Kosten: 20 Milliarden Euro und damit 15 Milliarden mehr als beim Baustart 2007 kalkuliert) dem Zeitplan weit hinterher. Trotzdem will Bundesforschungsministerin Anja Karliczek an der deutschen Beteiligung festhalten. „Die weltweit steigende Energienachfrage erfordert es, ... technologieoffen eine breite Palette von Optionen für die künftige Energieversorgung zu beforschen“, heißt es aus ihrem Haus.

Mut macht unterdessen, dass auch die Industriebetriebe selbst alles andere als untätig sind, um die ökologische Herausforderung zu meistern. Sie überbieten sich gerade nicht nur im Wettlauf der Ankündigungen, ab wann sie mit ihren Unternehmen klimaneutral wirtschaften wollen. Sie tun auch etwas dafür:

  • Der Polymerwerkstoffhersteller Covestro stellte jüngst ein Verfahren vor, wie sich aus Industrieabgasen Kunststoffe herstellen lassen.
     
  • Der Chemiekonzern Evonik hat gerade eine Versuchsanlage in Betrieb genommen, in der Bakterien CO2 in synthetisch nutzbare Stoffe umwandeln sollen.
     
  • Und der Stahlkonzern Thyssenkrupp arbeitet schon seit Längerem daran, wie sich aus Hüttenabgasen Kraftstoffe oder Dünger gewinnen lassen.

Vorsprung durch Technik made in Germany oder flapsiger ausgedrückt: Wie sich aus Dreck tatsächlich Geld machen lässt.


Das sind nur drei Beispiele von vielen, die das Klimaproblem entschärfen und dem Standort Deutschland mittelfristig sogar zum Wettbewerbsvorteil gereichen könnten. Denn je teurer der CO2-Ausstoß weltweit wird, desto mehr sind umweltverträgliche Verfahren gefragt, die auf den internationalen Märkten schon bald zum wahren Exportschlager werden könnten. Vorsprung durch Technik made in Germany, sozusagen. Oder, um es etwas flapsiger auszudrücken: Beispiele dafür, wie sich aus Dreck tatsächlich Geld machen lässt.

Apropos Geld aus Dreck, der Circus Krone machte bundesweit jüngst Schlagzeilen mit ebendiesem Thema. Für fünf Euro pro Glas verkauft das Familienunternehmen neuerdings Löwen-Exkremente. Scharf im Geruch, aber für bestimmte Zwecke angeblich unübertroffen. Etwa, um lästige Marder oder Katzen aus dem eigenen Garten zu verscheuchen. Mehr als 2.000 Gläser hat der Zirkus von seinen sehr eigenen Brownies bereits verkauft. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ihr