Die neue Ess-Klasse

Ausgabe 09/2020

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

nehmen wir zum Beispiel eine ganz normale Tiefkühlpizza. Die Zutatenliste führt detailliert auf, was so alles in der Packung steckt: ein runder Fladen aus Weizenmehl, belegt mit zerkleinerten Schältomaten, Edamer, Salami und gekochtem Hinterschinken. Gewürzt mit Rosmarin-Extrakt und vermengt mit ein paar unverzichtbaren Konservierungsstoffen. In diesem Fall Natriumnitrit und Dextrose.

Selbstverständlich hat der Hersteller auch eine Nährwert-Tabelle aufgedruckt. Mit Angaben zu den Kilojoule pro 100 Gramm, den verarbeiteten Fetten, Kohlenhydraten inklusive Zuckermengen, dem enthaltenen Eiweiß und Salz. Nur eine sehr entscheidende Information fehlt auf dem Pappkarton: Wie groß ist eigentlich der CO2-Fußabdruck dieser Pizza mit dem so verlockenden Knusperboden?


„Etwa 15 Prozent der Treibhausgasemissionen des privaten Konsums gehen auf Anbau und Verarbeitung, Transport und Lagerung von Lebensmitteln zurück.“


Das wäre auf den ersten Blick vielleicht etwas zu viel verlangt, ist aber alles andere als eine triviale Frage. „Etwa 15 Prozent der Treibhausgasemissionen des privaten Konsums gehen auf Anbau und Verarbeitung, Transport und Lagerung von Lebensmitteln zurück“, sagt Jenny Teufel, Senior Researcherin beim Freiburger Öko-Institut. Würden die Belastungen durch die Landwirtschaft mit eingerechnet, also etwa der Stickstoff- und Pestizideinsatz auf den Feldern, „verursacht die Ernährung (sogar) mehr als ein Viertel der Umwelt- und Klimaschäden des privaten Konsums“.

In Summe beziffert das Umweltbundesamt den ernährungsbedingten CO2-Ausstoß eines jeden Deutschen auf 1,74 Tonnen jährlich – fast so viel, wie er durch seine zurückgelegten Autokilometer von Januar bis Dezember verursacht. Nur anders als beim Neuwagenkauf (hier sind die Emissionen der unterschiedlichen Modelle für jeden ersichtlich) fehlt es bis heute an einer halbwegs aussagekräftigen Angabe zum Essen, das wir uns täglich auf den Teller laden.


„Ein Rindersteak mit Avocadosalat kommt gerne schon mal auf 5.000 Gramm CO2.“


Dabei sind die Unterschiede keineswegs marginal. Während eine Portion Lasagne mit Spinat, Nüssen und Birne auf nur 250 Gramm CO2 kommt, sind es beim Rindersteak mit Avocadosalat gerne schon mal 5.000 Gramm und mehr. „Würden alle Deutschen dreimal pro Woche klimafreundlich essen“, sagt Manuel Klarmann, „käme die erzielte Wirkung dem Wegfall von 3,7 Millionen Autos gleich.“

Klarmann ist Mathematiker und Mitgründer des Schweizer Datenspezialisten Eaternity, ein an der Technischen Hochschule Zürich 2008 entstandenes Start-up, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, die CO2-Bilanz von Lebensmitteln zu messen. Die Veganz AG, Hersteller und Händler für vegane Lebensmittel aus Berlin, zählt heute zu seinen Kunden, ebenso wie der Kantinenbetreiber Dussmann, der in seinen Betriebsrestaurants neuerdings einen Klimacheck für die dort aufgetragenen Gerichte anbietet. Abrufbar über eine App, die mittels Eaternity-Score dem Kunden signalisiert, was und vor allem wie er isst. Klimafreundlich, wenn auf seinem Handy fünf Sterne leuchten, eher klimaschädlich, wenn es nur einer ist.


„Es geht [...] um ein bisschen mehr Transparenz auf dem Teller.“


Damit wir uns nicht falsch verstehen: Es geht mir keineswegs darum, dass wir ab morgen alle nur noch Tofu essen sollen. Auch ich schätze ein gutes abgehangenes Rinderfilet, am liebsten medium, rosa gebraten. Es geht mir auch nicht darum, einen Veggie Day pro Woche zu fordern, wie ihn die Partei der Grünen 2013 mal vorgeschlagen hat. Nein, ich will weder eine Ernährungspolizei noch eine Ökodiktatur. Es geht mir hier einzig und allein darum: um ein bisschen mehr Transparenz auf dem Teller.

Jeder soll auch künftig essen, was ihm am besten schmeckt. Aber warum sollen wir die Verbraucher nicht offen und ehrlich darüber informieren, was genau sie im Einzelfall konsumieren? Warum sperren sich die meisten Lebensmittelhersteller und -händler bis heute gegen eine CO2-Kennzeichnung ihrer Produkte? Weshalb sollen im Supermarkt nicht die gleichen Gesetze gelten wie beim Autokauf? Sind Spritverbrauch und Kilojoule, bezogen auf die implizierten Treibhausgasemissionen, denn wirklich so verschieden?

Zu kompliziert, kaum berechenbar und anfällig für Tricksereien: So lauten die Vorbehalte gegen eine CO2-Bepreisung von Lebensmitteln. Aber ist die EU-Taxonomie für nachhaltige Investments etwa einfacher? Die nach langen Beratungen gerade erst in Kraft getretene Verordnung mag im Einzelfall nicht optimal ausgefallen sein. Aber das neue Klassifikationssystem weist doch zumindest in die korrekte Richtung. Damit wir künftig europaweit einheitlich definieren können, welche Wirtschaftsaktivitäten sich grün nennen dürfen und welche nicht. Warum sollte das nicht auch im Ernährungsbereich möglich sein?

„Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, singt Mackie Messer in Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“. Heute, gut 90 Jahre nach der Erstaufführung in Berlin und konfrontiert mit dem fortschreitenden Klimawandel, stellt sich die Gerechtigkeitsfrage neu und anders. Sie lautet: Wie lässt sich eine stark wachsende Weltbevölkerung (laut Prognose der Vereinten Nationen plus 1,9 Milliarden Menschen bis 2050 auf dann insgesamt 9,7 Milliarden) künftig noch satt bekommen, ohne dass das Raumschiff Erde dabei kollabiert? Mit einem exzessiven Fleischkonsum und immer mehr Weideflächen für die Methan ausrülpsenden Rinderherden dürfte das kaum gelingen.


„Wir fordern den Bundestag auf, das durch die Herstellung emittierte CO2 [...] verpflichtend zu kennzeichnen.“


Am 14. September wird sich der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags mit dem Thema beschäftigen müssen. Eingereicht hat die Vorlage der schwedische Hafermilch-Produzent Oatly (siehe dazu auch unseren ESG-Brief 5/2019) und dafür binnen kürzester Zeit das notwendige Quorum von 50.000 Unterzeichnern erreicht. Im Petitionstext heißt es: „Im Namen des Verbraucherschutzes fordern wir den Bundestag auf, das durch die Herstellung emittierte CO2 auf allen in Deutschland vertriebenen Lebensmitteln verpflichtend zu kennzeichnen.“

Natürlich ist die Initiative nicht ganz uneigennützig. Ganz sicher verspricht sich Oatly einen Wettbewerbsvorteil davon und weist in seiner Werbung deshalb auch gern darauf hin, dass Hafermilch nur etwa 400 Gramm CO2 pro Liter verursache, während konventionelle Kuhmilch in Summe auf gut ein Kilogramm komme. Aber ist die Argumentation des Hipsters unter den Milchanbietern deshalb verwerflich?

„Gegenwärtig“, sagt Harald Grethe, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (WBAE), sei es für die Konsumenten nur „sehr schwer, sich nachhaltiger zu ernähren“. Erst kürzlich übergab er Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner sein Gutachten für einen ökologischen Umbau in der Ernährungsindustrie. Die darin enthaltenen Vorschläge: neben verbindlichen CO2-Kennzeichnungen auf den Lebensmittelverpackungen unter anderem ein verpflichtendes Tierschutzlabel, verbunden mit einem regulären Steuersatz auf Fleisch von 19 statt wie bisher dem reduzierten Satz von nur sieben Prozent. Grethe: „Ein Umbau der GAP (die Gemeinsame Agrarpolitik in Europa) hin zur konsequenten Ausrichtung an Gemeinwohlzielen wie Tier-, Umwelt- und Klimaschutz ist [...] dringend erforderlich.“ Und weiter: „Wir können es uns nicht leisten, einen Großteil der Mittel [...] ohne klare Ziele zu verausgaben.“


„Der ausgerufene Green Deal hat nur eine Chance, wenn auch die Landwirtschaft ihren Beitrag dazu leistet.“


Noch stößt der Beirat in der Politik mit seinen Vorschlägen auf wenig Gegenliebe. Aber auch Julia Klöckner weiß sehr genau, dass der von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Dezember 2019 ausgerufene Green Deal nur eine Chance hat, wenn auch die Landwirtschaft ihren Beitrag dazu leistet. Immerhin 7,4 Prozent der Treibhausgasemissionen entfallen allein in Deutschland auf den Agrarsektor, insgesamt 63,6 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalente.

Zwar ist auch Klöckner der Meinung, dass Fleisch oft viel zu billig verkauft wird. Der Deutschen Presseagentur sagte sie kürzlich: „Fleisch soll kein Luxusprodukt für Reiche werden. Aber auch keine Alltagsramschware.“ Nur lehnt sie eine Mehrwertsteuererhöhung für Schweineschnitzel und Rinderfilets bisher ab. Wohl auch deshalb, weil ein solcher Vorstoß für Unmut in der Bevölkerung sorgen würde.

Dabei ist eine gesunde und nachhaltige Ernährung gar nicht mal so viel teurer. Nur rund 80 Euro mehr“ pro Kopf und Jahr, bilanziert eine Auswertung des Freiburger Öko-Instituts, würde eine „Umstellung von einem durchschnittlichen deutschen Ernährungsstil auf (eine) gesunde und biologisch erzeugte Nahrung mit weniger Fleisch, mehr Gemüse und Obst“ jeden Haushalt jährlich kosten. Bei gleichbleibend hohem Fleischkonsum mit Bio-Produkten wären es statt 2.758 Euro dann 3.625 Euro – knapp 900 Euro mehr als heute.

Zugegeben, umsonst ist billiger. Aber ein neuer Hightech-Fernseher der Marke Samsung mit 75 Zoll, inklusive Netflix-Premium-Abo, würde bei einer angenommenen Lebensdauer von knapp acht Jahren ungefähr das Gleiche per annum kosten, die CO2-Emissionen durch das Streaming nicht mitberechnet. Mit anderen Worten: Unser täglich Brot sollte uns doch zumindest ebenso viel wert sein wie das Fernseh-Gucken. Oder?

Ihr


PS: In der kommenden Folge meines neuen Podcast „Ökonomics Investor Talk“ spreche ich mit Philipp von der Wippel über genau dieses Thema. Im Alter von nur 16 Jahren hat er ProjectTogether gestartet, eine Innovations-Plattform für junge Visionäre. Farm-Food-Climate Challenge“ heißt sein neuestes Vorhaben. Weil er davon überzeugt ist, dass ein klimapositiver Agrifood-Sektor möglich ist und eine bessere Zukunft für uns alle irgendwo zwischen Feld und Teller“ liegt. Hören Sie mal rein. Ich denke, es lohnt sich.