Muttererde

Ausgabe 07/2020

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

30 Zentimeter. Das ist nicht besonders viel, aber so ziemlich das Wertvollste, was wir besitzen. Gerade mal zwei Handbreit misst im globalen Durchschnitt die fruchtbare Schicht Erde, die unseren Planeten umhüllt und auf der alles wächst, was wir zum Leben brauchen. Vom kleinen Radieschen in unserem Garten bis hin zum Sauerstoff spendenden Baumriesen im Regenwald. Das macht den großen Unterschied zwischen einem bewohnbaren und einem nicht bewohnbaren Planeten aus. Zwischen Erde und Mars.

Ein paar andere Kleinigkeiten kommen natürlich noch hinzu (die Atmosphäre und das Magnetfeld der Erde beispielsweise), aber ohne diese dünne Haut Humus könnte kein Samenkorn jemals zu einer Pflanze reifen. Nicht zufällig sprechen wir deshalb von Muttererde. In nur einer Handvoll davon existieren mehr Lebewesen als Menschen auf dem gesamten Planeten: Milliarden von Käfern, Würmern und Mikroben, die den Kohlenstoff unter unseren Füßen in Biomasse verwandeln und den Boden fruchtbar machen.

Nur 30 Zentimeter. Ganz ehrlich, hätte man mich vor Kurzem gefragt, wie dick diese Schicht Erde wohl sei, hätte ich auf zehn, vielleicht sogar auf 20 Meter getippt. Aber niemals auf nur 30 Zentimeter, ohne die weder Ackerbau noch Viehzucht überhaupt möglich wären.


„Die Klimakrise gefährdet zwar die Art, wie wir leben, aber das Artensterben stellt infrage, ob wir leben“.


Zu verdanken habe ich diese Einsicht einem Buch von Dirk Steffens, Moderator der ZDF-Dokumentationssendung Terra X, das er gerade gemeinsam mit dem Zeit-Wissenschaftsjournalisten Fritz Habekuß veröffentlicht hat. Über Leben heißt sein Titel, in dem sie sich mit dem größten Artensterben seit dem Tod der Dinosaurier auseinandersetzen. „Nicht einmal die Klimakrise“, lautet die Botschaft der beiden Autoren, „bedroht uns so sehr in unserer Existenz“ wie der Verlust der Biodiversität. „Die Klimakrise“, schreiben sie, „gefährdet zwar die Art, wie wir leben“, aber das Artensterben stellt infrage,ob wir leben“.

Wussten Sie zum Beispiel: 

  • dass auf drei Vögel in der Natur mittlerweile sieben Masthähnchen kommen?
     
  • dass auf einem Quadratmeter Erde heute ein Zentner Zivilisationsprodukt steht, angefangen bei den Pyramiden von Gizeh bis hin zum neuesten Nasenhaarschneider der Marke Philips & Co.? 30 Billionen Tonnen wiegt diese Technosphäre mittlerweile und damit achtmal mehr, als die gesamte Biosphäre auf die Waage bringt, von der Mücke bis zum Elefanten.
     
  • oder dass wir jeden zweiten Atemzug einem Lebewesen verdanken, so unscheinbar klein, dass es nur unter dem Mikroskop sichtbar ist? Diatomeen heißen diese Organismen in der Wissenschaft, umgangssprachlich Kieselalgen. Zu Trillionen treiben sie mit ihren engen Verwandten in den Ozeanen umher und produzieren mehr Sauerstoff als alle Wälder dieser Welt zusammen. Sie sind die wahre Lunge unseres Planeten, nicht etwa der Regenwald des Amazonas, der nur fälschlicherweise so bezeichnet wird. Ja mehr noch: Diese Algen, die nach Äonen wieder an die Oberfläche gelangen und etwa in den Wüstensenken Afrikas versteinern, schicken mit ein bisschen Wind erst jene Mineralstoffe über den Atlantik, die den kargen Dschungelboden in Südamerika zum Blühen bringen.

Wir beschäftigen uns gerade sehr intensiv mit der drohenden Klimakrise. Aber die eng damit verbundene Bewahrung der Artenvielfalt ist für das Überleben der Menschheit mindestens ebenso wichtig, wahrscheinlich sogar noch wichtiger.


„Biodiversität ist die außergewöhnliche Vielfalt des Lebens auf der Erde“.


Zu Recht hat die Europäische Kommission im Rahmen ihres Green Deals deshalb gerade erst ihre Biodiversitätsstrategie bis 2030 verabschiedet. Darin heißt es unter dem programmatischen Titel Bringing nature back into our lives: „Biodiversität ist die außergewöhnliche Vielfalt des Lebens auf der Erde. Wir Menschen sind Teil dieses (...) Netzes und komplett davon abhängig, denn es gibt uns die Nahrung, die wir essen, filtert das Wasser, das wir trinken, und liefert die Luft, die wir atmen.“

Konkret sieht der EU-Plan unter anderem vor:

  • den Einsatz von Pestiziden in der Staatengemeinschaft bis 2030 um 50 Prozent zu verringern,
     
  • 25 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen ökologisch zu bewirtschaften,
     
  • und mindestens 25.000 Flusskilometer als frei fließende Flüsse wiederherzustellen.

Rechtsverbindlich ist das bisher nicht, aber es weist zumindest in die richtige Richtung. Denn die Erhaltung der Artenvielfalt wird in der breiten Öffentlichkeit noch immer gründlich missverstanden. Es geht eben nicht allein um die Rettung der Eisbären. Ihr Aussterben wäre zwar betrüblich, aber für die Menschheit eher zweitrangig. Es geht stattdessen um die Bewahrung der Vielfalt als Ganzes. Um das Makro, das im Mikro steckt: zum Beispiel in dieser Unzahl von oft unscheinbaren Lebewesen, deren Funktion wir bisher allenfalls in Ansätzen begriffen haben.


„Pro Tag verschwinden 150 Arten für immer von der Erde (…) und das sind bloß die Arten, die wir kennen“.


Das Vorsorgeprinzip, schon vor einem Vierteljahrhundert auf dem Umweltgipfel von Rio 1992 beschworen, tragen alle gern auf ihren Lippen. Nur hält sich in der Praxis kaum einer daran. Von den etwa acht Millionen Tier- und Pflanzenarten, bilanziert der Weltbiodiversitätsrat IPBES der Uno, ist bereits eine Million Arten vom Aussterben bedroht. Pro Tag verschwinden 150 für immer von der Erde, ungefähr alle zehn Minuten eine. Und das sind bloß die Arten, die wir kennen.

Allein die Mikrobenzahl im Meer schätzen Forscher heute auf eine Quintillion. Das entspricht einer Zahl von zehn hoch dreißig und übertrifft bei Weitem die Anzahl der Sterne im gesamten Universum. Trotzdem vermüllen wir die Meere ohne Unterlass, ohne genau zu wissen, was wir damit anrichten.

An Land sieht die Bilanz nicht besser aus. Seit Fritz Haber und Carl Bosch ihr als Brot aus Luft“ gepriesenes Verfahren zur Synthese von Ammoniak Anfang des 20. Jahrhunderts präsentiert haben, dopen wir unsere Felder mit immer mehr Dünger, um die rasant wachsende Weltbevölkerung (von 3,7 auf aktuell fast acht Milliarden Menschen innerhalb von nur 50 Jahren.) ernähren zu können. Nur leider zerstören die so entstandenen Monokulturen der Landwirtschaft ohne Tümpel, Hecken und Baumgruppen zugleich die Fruchtbarkeit der Böden, dezimieren Regenwürmer und Insekten.


„Die Muttererde, sie wird auf der Erde immer knapper“.


Die bittere Ironie dieser Fortschrittsgeschichte lautet: Wir haben die Erträge auf unseren Feldern zwar drastisch erhöht (ein Bauer erntet in Mitteleuropa pro Hektar heute etwa zehnmal so viel Getreide wie sein Vorfahr im 14. Jahrhundert), aber den Preis dafür noch nicht gezahlt. So wie etwa bei der Verwendung von Asbest, der jahrzehntelang als temperaturfester Dämmstoff gefeiert wurde, bevor er dann als hochgradig krebserregend von den Baustellen verbannt wurde. Ganz ähnlich könnte am Ende auch die Bilanz einer zu extensiv betriebenen Landwirtschaft ausfallen: Weil die schützende Pflanzenschicht fehlt, erodiert die Haut des Planeten. Die Muttererde, sie wird auf der Erde immer knapper.

Dass Bienen systemrelevant sind, weil es ohne sie keine Äpfel gäbe, hat mittlerweile jeder begriffen. Aber für die Sauerstoff spendenden Algen im Meer ist noch kein Volksbegehren in Sicht. Vielleicht ja auch deshalb, weil diesen unscheinbaren Einzellern der emotionalisierende Biene-Maja-Aspekt fehlt. Ein Clownfisch namens Nemo hätte es dank Walt Disney bestimmt einfacher.

Um nicht missverstanden zu werden: Das Artensterben hat es immer schon gegeben und es ist ein wichtiger Treiber in der Evolutionsgeschichte. Survival of the fittest heißt das Prinzip. Historisch neu dagegen ist die Geschwindigkeit, mit der es sich vollzieht. Seit der Mensch die Erde bevölkert, rein rechnerisch also seit etwa drei Sekunden (wenn wir Steffens und Habekuß mal kurz in der Annahme folgen, unser Planet sei 24 Stunden alt statt seiner tatsächlichen 4,5 Milliarden Jahre), sterben die Arten wie die Eintagsfliegen.

Kein Lebewesen zuvor hat seine Umwelt binnen kürzester Zeit so fundamental verändert wie der Mensch. Selbst die Naturvölker, die sich angeblich ohne Zwang bescheiden und nachhaltig in den Kreis des Lebens einfügen, „gehören ins Reich der Märchen“, stellt das Autorenduo fest. „Weil der Mensch ein Teil der Natur ist, verhält er sich (...) nicht anders als der Fuchs im Hühnerstall.“ Er nimmt sich, was er kriegen kann.

Kreative Ansätze, um diese Tabula rasa zu verhindern, gibt es allerorten. Öko-Landwirte, die auf den Einsatz von Pestiziden und Herbiziden verzichten. Urban-Farming-Firmen wie Zero Carbon Food in London oder Eco Friendly Farming in Berlin, die ihr Gemüse ohne zusätzlichen Landverbrauch in trauter Nähe zur großstädtischen Bevölkerung züchten. Oder auf tierische und pflanzliche Ersatzprodukte spezialisierte Unternehmen wie SuperMeat in Israel oder Beyond Meat in Kalifornien, die uns mit Nahrungsmitteln versorgen, ohne dass dafür noch weitere Hektar Regenwald gerodet werden müssen.


„Vielfalt braucht Abstand“.


Vielleicht hilft uns am Ende ja sogar die Corona-Pandemie dabei, zu begreifen, wie wir die Biodiversität retten können. Abstand halten, so lautet der medizinische Rat, damit wir uns nicht alle mit Covid-19 infizieren. Eine Empfehlung, die auch der Natur gut bekommen würde. In ihrem Fall nicht nur mit einem Mindestabstand von 1,5 Metern, sondern wohl noch ein bisschen mehr.

Das ahnte im Übrigen schon Charles Darwin, als er sich fragte, warum in denselben Klimazonen von Afrika über Australien bis hin nach Südostasien so viele verschiedene Arten entstanden sind. Seine Antwort lautete: Vielfalt braucht Abstand.

Das sollten wir in Zukunft vielleicht beherzigen. Nicht nur, weil wir es den Viren damit erschweren, vom wilden Tier auf den Menschen überzuspringen (wie bei HIV bis Covid-19 geschehen). Sondern auch deshalb, weil die Natur jene Distanz braucht, um erledigen zu können, was uns alle am Leben erhält.

Anders als beim letzten großen Massensterben vor 66 Millionen Jahren, als ein riesiger Asteroid die Erde traf – und erst die Dinos und in der Folge dann zwei Drittel aller Lebensformen auf der Erde vernichtete –, haben wir es heute selbst in der Hand, ob sich eine solche Katastrophe wiederholt.

In diesem Sinne und natürlich mit dem gebührenden Abstand.

Ihr