Ökonomics - Lang lebe der Elektrokönig!

ESG-Brief I Ausgabe 7/2019: Lang lebe der Elektrokönig!

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

so etwas ist ärgerlich, aber es passiert nun mal. Mir zum Beispiel. Mit T 55820. Das ist die Typenbezeichnung für meinen Wäschetrockner. Zuverlässig tat er seinen Dienst – bis er vor ein paar Monaten plötzlich keinen Mucks mehr von sich gab. Ich rief beim Werkskundendienst an. Der Monteur (Anfahrtspauschale: 55 Euro) erklärte mir, die Steuerungsplatine sei defekt. Er könne das Teil austauschen, aber lohnen würde sich das nicht. „Für das Geld“, so sein fachmännischer Rat, „bekommen Sie fast schon einen neuen Trockner, sogar mit weniger Stromverbrauch.“

Klingt vernünftig und nach mehr Energieeffizienz im Haushalt. Ist gut fürs Klima und am Ende auch fürs eigene Portemonnaie. Aber stimmt das auch? Was passiert in diesem Fall eigentlich mit meinem alten Wäschetrockner? Mittlerweile 50 Millionen Tonnen Elektroschrott fallen laut einer aktuellen Uno-Studie jedes Jahr weltweit an. Ausrangierte Kühlschränke und Fernseher, Computer und Handys. Würden alle diese Geräte auf einen Schlag mit Lastern abtransportiert, müssten dafür fast 1,3 Millionen  40-Tonner vorfahren. Bis 2050, prognostizieren die Uno-Experten, könnte dieser Müllberg aus Kabeln, Schaltern und verlöteten Leiterplatten sogar auf bis zu 120 Millionen Tonnen jährlich anwachsen. Ganz einfach, weil wir immer mehr Elektronikartikel kaufen, sie irgendwann kaputtgehen oder wir das alte, durchaus noch funktionstüchtige Gerät oft und gerne durch ein neues ersetzen – etwa wegen der besseren Kamerafunktion im Handy der modernsten Baureihe oder des schnelleren Prozessors im aktuellsten Laptop.

„E-waste is now the fastest-growing waste stream in the world“, bilanzieren die Uno-Fachleute in ihrer Studie. Was hier auf uns zurollt, sei ein Tsunami gewaltiger Dimension. Genauso schlimm wie die Vermüllung der Weltmeere, in denen – wenn alles so weiterläuft wie bisher – schon in 30 Jahren mehr Plastik als Fische herumschwimmen wird. China produziert in Summe zwar den meisten Elektroschrott (7,2 Millionen Tonnen pro Jahr). Doch in Kilogramm pro Kopf gerechnet, stellt sich die Situation anders dar. Während die Menschen im Reich der Mitte je Einwohner und Jahr gerade mal 5,2 Kilogramm E-Waste verursachen, sind es beim Spitzenreiter Norwegen gut fünfmal so viel, genau genommen, 28,5 Kilogramm. Deutschland rangiert im globalen Ranking mit 22,8 Kilogramm auf Platz sechs hinter Australien (23,6), den Niederlanden (23,9), Dänemark (24,8), Großbritannien (24,9) und Norwegen. Aber wiederverwertet wird auch hierzulande längst nicht alles, was im Haushalt irgendwann unbrauchbar geworden ist.

Nicht mal die Hälfte aller Altgeräte landet bei uns im Recyclingkreislauf. Das ist im internationalen Vergleich zwar nicht schlecht (weltweit sind es weniger als 20 Prozent), aber deshalb noch lange nicht wirklich gut. Denn der große Rest liegt entweder ungenutzt bei uns zu Hause herum. Darunter aktuell rund 124 Millionen Smartphones, aus denen sich relativ problemlos 2,9 Tonnen Gold, 30 Tonnen Silber und 1.100 Tonnen Kupfer wiedergewinnen ließen. Oder aber unser Elektronikschrott, und das ist für die globale Umweltbilanz weit schlimmer, landet über dubiose Wege auf den großen Mülldeponien der ärmsten Länder dieser Welt.

Zum Beispiel in Agbogbloshie, einem Stadtteil in Ghanas Hauptstadt Accra. 40.000 Menschen leben hier. Die Erde ist schwarz auf diesem Friedhof unserer elektronischen Welt und der Himmel darüber genauso dunkel. Junge Männer, oft noch Kinder, verbrennen die Kabel aus unseren weggeworfenen Elektrogeräten, damit sie leichter an das Metall für ihr kärgliches Auskommen gelangen. Das Wasser ist verseucht und die Luft zum Atmen schwer.

„Das ist ein unglaublicher Ort“, zeigte sich Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, schockiert, als er Agbogbloshie Mitte vorigen Jahres besuchte. „Kinder arbeiten hier, damit sie unseren Elektronikschrott auseinanderbauen. Unter unsäglichen Bedingungen. Wir können das nicht akzeptieren.“ Fünf Millionen Euro hat sein Ministerium bereitgestellt, damit in Agbogbloshie jetzt ein modernes Recyclingsystem aufgebaut werden kann. Mit sauberen und ordentlichen Jobs für die Menschen dort, ohne dass sie ihre Gesundheit und Umwelt noch weiter gefährden.

Zugegeben, das ist ein Fortschritt gegenüber der heutigen Situation und besitzt Vorbildfunktion auch für andere wilde Deponien dieser Welt. Den Materialwert des Elektronikschrotts beziffern die Uno-Experten auf 62 Milliarden Dollar – weit mehr, als die Silberproduktion eines Jahres wert ist. Millionen neue Jobs, so ihre Einschätzung, könnten mit dem Aufbau eines effektiven Recyclingsystems weltweit entstehen, die Kosten unserer Elektronikartikel senken und die negativen Folgen für die Umwelt abdämpfen.

Aber mindestens genauso gut wäre es, wenn zumindest ein Teil unseres Elektroschrotts erst gar nicht anfallen würde, weil sich kaputte Geräte simpel und schnell reparieren ließen. Nur leider fällt das in der Praxis oft gar nicht so leicht. Konnte ein Röhrenfernseher früher noch problemlos auseinandergenommen werden, hat man heute schon Glück, wenn das defekte Gerät überhaupt noch Schrauben zum Öffnen hat. Bügeleisen, Kaffeemaschinen und Handys sind fest verschweißt und Ersatzteile nur schwer zu beschaffen. Die Folge: Was kaputtgeht, landet auf dem Müll und nicht in der Reparaturwerkstatt.

Nachhaltig im Sinne eines umsichtigen Ressourcenmanagements ist das nicht, weshalb sich etwa Siddharth Prakash, Senior Researcher am Freiburger Öko-Institut, für politische Maßnahmen einsetzt, die von den Herstellern klare Informationen über Lebensdauer und Reparierbarkeit ihrer Produkte fordern. Dann, so das Ergebnis einer gerade durchgeführten Repräsentativ-Befragung seines Instituts, wären die Verbraucher auch bereit, für entsprechend hochwertige Produkte einen höheren Preis zu akzeptieren.

Im Fall meines eigenen Wäschetrockners ging die Geschichte übrigens so aus: Im Internet fand ich die Adresse eines Servicebetriebs in Bad Sooden-Allendorf. „Wir reparieren fast alle Platinen“, las ich dort. Auch mein T 55820 stand unter den aufgelisteten Geräten. Alles, was ich tun sollte: das Elektronikteil aus dem Trockner ausbauen, das Paket nach Hessen schicken und mich 24 Stunden gedulden.

Ganz ehrlich, ein bisschen skeptisch war ich schon, auch wegen meiner handwerklichen Fähigkeiten. Aber was soll ich sagen: Es hat funktioniert, tadellos sogar. Keine Ahnung, was die in Hessen mit meiner Platine angestellt haben. Aber es kann wohl nur eine Kleinigkeit gewesen sein. Denn das Elektronikteil kam für nur 29,95 Euro heil zu mir zurück – inklusive Umsatzsteuer, Versand und eines Jahrs Garantie auf die ausgewechselten Bauteile. Seitdem läuft mein Trockner wieder einwandfrei. Einen solchen Service hätte ich mir vom Werkskundendienst des Herstellers auch gewünscht. Zumal es auf der Homepage des Konzerns unter dem Stichwort „Nachhaltig handeln“ heißt: „Wir gehen jeden Tag mit der Absicht an die Arbeit, das Leben für unsere Kunden und damit den Zustand des Planeten zu verbessern.“ So lautet das offizielle Mission Statement des Hausgeräteherstellers.

Wir kennen diese und ähnliche Formulierungen von sehr vielen Unternehmen – ganz unabhängig von der Branche, in der sie tätig sind. In der Praxis kommt es allerdings darauf an, ob diesen Worten auch Taten folgen. Denn mittel- und langfristig messen wir die Unternehmen an der Einhaltung ihrer Versprechen. Aus Kunden- und damit auch aus Kapitalanlegersicht heißt das für mich: Ehrlich rentiert am längsten. „Nachhaltige Mogelpackungen“ und Moralversprechen, die Investments und Finanzprodukte nicht halten können, sind fehl am Platz; dafür ist die Bedeutung des Wortes „nachhaltig“ zu wertvoll und die Lage mit Blick auf die Zukunft unseres Planeten zu ernst.

Ihr


Das wahre Leben des Autors: Schwer bepackt kam ich neulich nach Hause. „Was ist denn in dem Paket drin, Papa?“, fragte mein Sohn (7). Voller Stolz antwortete ich:  „Ein neuer Fernseher!“ „Aber wir haben doch schon einen!“, riefen meine Frau und die Kinder entrüstet. Unser Hund nickte dazu bestätigend. Verzweifelt suchte ich nach Argumenten: „Aber der hier ist ganz besonders. Er ist nämlich flach und man kann ihn an die Wand hängen. Und das Beste: Er sieht aus wie ein Bild!“ Die Sprecherin der Jury „Ich-behalte-meinen-alten-Fernseher“, meine Tochter (9), schüttelte verständnislos den Kopf: „Wieso soll denn ein Fernseher wie ein Bild aussehen? Und schau dich doch um: Wir haben schon so viele schöne Bilder!“ Aus der bildschöne Fernsehtraum. Ich drehte mich auf dem Absatz um, brachte das Paket ungeöffnet zur Post – und ging zur inneren Einkehr auf ein Bier in die Dorfwirtschaft.

Michael Braun lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und Hund sowie zahlreichen Fragen um unsere Zukunft im bayerischen Voralpenland.