Von Bienen & Menschen

Ökonomics ESG-Brief I Ausgabe 3/2019

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

heute müssen wir mal über ein sehr ernstes Thema reden: unser liebes Geld. Denn das kam beim erfolgreichsten Volksbegehren der bayerischen Geschichte für unseren Geschmack etwas zu kurz. Binnen nur zwei Wochen haben sich fast 1.750.000 Menschen in die Unterstützerlisten für mehr Artenschutz eingetragen – 18,4 Prozent der Wahlberechtigten und damit fast doppelt so viele, wie das Plebiszit brauchte. Zu Hunderten standen die Münchner jeden Tag auf dem Marienplatz geduldig Schlange, so als würden drinnen im Rathaus 500-Euro-Scheine verschenkt. Überall im Land warben die Initiatoren in ihren schwarz-gelben Biene-Maja-Kostümen für ihr großes Ziel, dermaßen omnipräsent, dass Spiegel Online dem Freistaat gleich einen neuen Namen verpasste: der „Bienen- und Bauernstaat“.

Aber mit einer bloßen Unterschrift zur Rettung der Natur ist es natürlich nicht getan. Christine Singer, Bezirksbäuerin von Oberbayern, sagte deshalb noch vor Auszählung der Stimmen: „Wer das unterschreibt, von dem erwarte ich, dass er bei jedem Lebensmitteleinkauf 30 Prozent Bio aus der Region in seinem Korb hat. Sonst zahlen die Zeche wir Landwirte.“ Ihr Argument ist durchaus stichhaltig: Wenn künftig 30 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Bayern, wie von den Initiatoren des Volksbegehrens gefordert, ökologisch bewirtschaftet werden (heute sind es nur zehn Prozent), muss irgendjemand dafür zahlen. Aber wer, wenn nicht die Bauern? Was steht ganz konkret auf dem Preisschild für mehr Artenschutz? Was kosten uns die Rettung der Bienen, die Bewahrung der Natur und ein gesundes Klima eigentlich?

Die Realität, seien wir ehrlich, ist ziemlich kompliziert. Wir wollen summende Bienen (dafür haben wir schließlich mit unterschrieben), aber wir dulden keinen wild wachsenden Löwenzahn auf unserem sorgsam getrimmten Rollrasen vorm Haus. Wir wollen den Kohleausstieg, am liebsten jetzt und sofort, aber wenn wir für unseren Strom dann 20 Prozent mehr zahlen sollen, sind wir uns nicht mehr so sicher. Wir wollen Kühe, die glücklich ins Alpenpanorama muhen, aber im Supermarkt für den Liter Milch nicht mehr als 70 Cent zahlen. Um den alten Sponti-Spruch hier noch einmal in Erinnerung zu rufen: Wir alle wollen zurück zur Natur – aber bitte nicht zu Fuß.

Vielleicht sollten wir das Thema zur Abwechslung deshalb mal ohne große Emotionen betrachten, quasi unter rein ökonomischen Gesichtspunkten. Die simple Frage lautet doch: Was kommt uns am Ende billiger? Welche Posten stehen auf der Soll-Seite der Bilanz und welche auf der Haben-Seite? Ideologisch unverdächtig in dieser Beziehung ist eine Branche, die seit jeher Kosten und Erträge sehr genau kalkulieren muss. Nehmen wir zum Beispiel die Assekuranzkonzerne Allianz oder Munich Re. Beide Unternehmen haben schon vor längerer Zeit angekündigt, sich aus dem Kohlegeschäft komplett zurückziehen zu wollen und künftig keine neuen Einzelversicherungen für Kraftwerke und Minen mehr anzubieten. Damit entgehen allein der Allianz Prämieneinnahmen in Höhe eines „größeren zweistelligen Millionenbetrags“, wie Konzern-Chef Oliver Bäte betont.

Das ist bei einem operativen Rekordergebnis von 11,5 Milliarden Euro für 2018 zwar durchaus verschmerzbar, aber viel entscheidender ist die Frage, warum ein Unternehmen wie die Allianz ohne Zwang auf dieses Geld verzichten will. Und darüber hinaus ankündigt, sein Kapital (das ist der sehr viel größere Hebel) bis 2040 nicht mehr in Unternehmen zu investieren, die ihre Emissionen nicht an das Zwei-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens anpassen.

Warum machen die Allianz-Manager das? Etwa aus Gutmenschentum? Weil sie die Erde, die Bienen und die Umwelt retten wollen? Das vielleicht auch, aber ihre Motive dürften sehr viel profanerer Natur sein, gelenkt von rein kaufmännischer Logik. Denn die Kohleverfeuerung als Klimakiller Nummer eins kostet die Versicherungswirtschaft mittlerweile auch so einiges. Auf 160 Milliarden US-Dollar beziffert die Munich Re in ihrer jüngsten Statistik die Schäden, die 2018 durch Naturkatastrophen entstanden sind. In Summe zwar weniger als im Horrorjahr 2017 (Schadensumme: 350 Milliarden US-Dollar), aber doch deutlich mehr als im inflationsbereinigten Durchschnitt der vergangenen drei Jahrzehnte.

Den Grund dafür kennen die Versicherungsexperten sehr genau, auch wenn sie das Problem betont vorsichtig formulieren. „Die Indizienlage ist so stark, dass man davon ausgehen muss, dass diese Entwicklung durch den Klimawandel mit getrieben ist und auch in der Zukunft, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten davon beeinflusst sein wird“, sagt Ernst Rauch, der oberste Klimaforscher der Munich Re. Mit anderen Worten: Umweltschutz zu betreiben kommt am Ende günstiger, als nichts zu tun.

Nicholas Stern, einstiger Chefökonom der Weltbank, hat auf diesen Zusammenhang bereits im Jahr 2006 hingewiesen. In seinem ersten Stern-Report kommt er zu dem Ergebnis, dass die Welt auf Dauer fünf Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts für die Bewältigung des Klimawandels aufwenden müsste, sollte sie die Erderwärmung einfach so geschehen lassen. Dagegen nur ein Prozent, wenn sie sofort dagegen vorgeht. Acht Jahre später legt er im Jahr 2014 den zweiten Stern-Report vor, dieses Mal mit einer klaren und, ja durchaus optimistischen Handlungsanweisung. Denn Stern fordert, dass die bis zum Jahr 2029 ohnehin weltweit getätigten Investitionen in Höhe von rund 90 Billionen US-Dollar für städtische Infrastruktur, Energiesysteme und den Verkehrssektor in Bereiche fließen, die klimaschonend wachsen. Dann nämlich, so lautet seine positive Botschaft, lassen sich weltweiter Klimaschutz und Wirtschaftswachstum vereinbaren.

Unternehmen, die Nachhaltigkeitsaspekte in ihrer Strategie fest verankert haben, folgen dieser Denkweise eines klimaschonenden Wachstums. Zum Beispiel der Konsumgüterproduzent Unilever, bis vor Kurzem geführt von Vorstandschef Paul Polman. Schon unmittelbar nach Amtsantritt im Jahr 2009 leitete er den Kulturwandel ein und versprach, Treibhausgase, Wasserverbrauch und Abfall drastisch zu reduzieren. Die übliche Berichterstattung über Quartalsgewinne stoppte er, weil sich das Management seiner Meinung nach lieber auf die langfristige Entwicklung konzentrieren sollte. Wer an sein nachhaltig angelegtes Geschäftsmodell nicht glaube, sagte er damals, „sollte sein Geld nicht in unsere Firma stecken“.

Gut, wer anders handelte und Polman folgte. Der Börsenwert des Unternehmens stieg während seiner Amtszeit um gut das Zweieinhalbfache – nicht trotz, sondern wohl vielmehr wegen seiner Strategie. Acht Jahre nach Start des Sustainable Living Plan verkündete der niederländisch-britische Konzern in eigener Sache: Nachhaltige Marken wachsen „46 Prozent schneller als andere Marken“ und sind bei uns „für 70 Prozent des Umsatzwachstums verantwortlich.“

Das Beispiel zeigt: Ökonomie und Ökologie passen zusammen wie Topf und Deckel. Und selbst das üblicherweise schlecht beleumundete Eigeninteresse (wie etwa im Fall der Versicherungswirtschaft, die kurzfristig auf sichere Prämieneinnahmen aus dem Kohlegeschäft verzichtet, weil sie hofft, ihre Schadenregulierung dadurch langfristig mindern zu können), kann am Ende zum besten aller Ergebnisse führen.

Apropos Eigeninteresse. Adam Smith, der schottische Aufklärer und Stammvater der ökonomischen Theorie, vertrat bekanntlich zeitlebens die Auffassung, dass die Welt besser, gerechter und gleicher wird, wenn die Menschen erst einmal an sich selbst denken. „Nur ein Bettler zieht es vor, hauptsächlich vom Wohlwollen seiner Mitbürger abzuhängen“, schrieb er.

Man möchte ergänzen: Die Natur schreibt zwar keine Bettelbriefe und will auch keine Almosen. Aber sie könnte sich fürchterlich an uns rächen, sollten wir alle im ureigensten Interesse nicht ab und zu an sie und natürlich auch an die Bienen denken.

Ihr


Das wahre Leben des Autors: Neulich fragte mich ein Kunde: „Herr Braun, Ihren Ökonomics lese ich gern, aber was hat das mit der BayernInvest zu tun?“ „Sehr viel“, antwortete ich, „schauen Sie sich doch mal den ESG-Footprint Ihres Portfolios mit unserem neuen Nachhaltigkeitsreporting an ... und die Zukunft wird klarer.“

Michael Braun lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und Hund sowie zahlreichen Fragen um unsere Zukunft im bayerischen Voralpenland.