Auf dem Holz-Weg!

Ökonomics ESG-Brief I Ausgabe 1/2019

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

nicht mehr rauchen. Weniger trinken. Mehr Sport treiben. Nach der Silvester-Party beginnt traditionell die Zeit der guten Vorsätze. Das weiß auch ein Mann wie EU-Klimakommissar Miguel Arias Cañete. Bereits Ende November preschte er mit seinen guten Absichten vor und verkündete einen weitgehenden Rauch-Verzicht bis 2050. Dann sollen die EU-Staaten unterm Strich nicht mehr Treibhausgase in die Atmosphäre entlassen als von der Natur oder künstlichen Kohlenstoffspeichern aufgenommen werden können.

Klingt gut. Klingt richtig. Klingt ein bisschen nach Paris, wo sich vor drei Jahren 196 Staaten darauf verständigt haben, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Nur, was ist von solchen Ankündigungen eigentlich zu halten, wenn schon im Vorfeld der jüngsten Klimakonferenz im polnischen Katowice (EU-Mitglied seit 2004) Gastgeber Andrzej Duda zu Protokoll gibt: „Kohle ist unser größter Schatz. Solange ich Präsident bin, lasse ich nicht zu, dass irgendjemand den polnischen Bergbau ermordet.“

Dass sich die Delegierten in Katowice nach zähem Verhandlungspoker überhaupt auf ein Regelwerk verständigen konnten – eine Art Minimalkonsens –, der die Staaten ab 2020 darauf verpflichtet, regelmäßig über Maßnahmen zur Reduktion ihrer Treibhausemissionen zu berichten –, gilt schon als großer Erfolg. Aber ist das wirklich ausreichend? Ein Konsens, basierend auf Freiwilligkeit, ohne jede Sanktionsmöglichkeit? Und stattdessen eine Art Shame-on-you-Prinzip, falls einzelne Staaten ihren guten Vorsätzen keine entsprechenden Taten folgen lassen.

Natürlich liegt es in der Natur der Sache, dass die Verständigung schwerfällt, wenn fast 200 Staaten mitreden wollen. Selbst innerhalb der EU mit ihren nur 28 Mitgliedern ist der Abstimmungsprozess ja oft genug so zäh wie Kaugummi. Die größtmögliche Unverbindlichkeit – das war in Katowice nicht anders – spielt deshalb die Begleitmelodie zum Tête-à-Tête auf höchster politischer Ebene. Frei nach dem Motto: Ein bisschen Rauchen ist doch gar nicht so schlimm.

Im persönlichen Bereich halten zwei Drittel aller guten Neujahrsvorsätze laut Umfragen nicht mal bis Ende Januar. Das ist menschlich, allzu menschlich. Aber wer den Klimawandel stoppen will, kann sich so viel Trägheit nicht mehr lange leisten.

Mit der bloßen Einsparung von CO2, darin sind sich die meisten Experten heute einig, lässt sich die Erderwärmung ohnehin nicht mehr aufhalten. Denn wie beim Raucher bleibt das Gift noch über Jahrzehnte in der Lunge. „Wir müssen hinter uns aufräumen“, sagt Klaus Lackner, deutscher Physiker mit Lehrauftrag an der Arizona State University. „Wenn ich meinen Müll vor Ihrer Haustür liegen lasse und sage, es ist aber 20 Prozent weniger als letztes Jahr, sind Sie doch auch nicht zufrieden.“

Seit vielen Jahren macht sich Lackner Gedanken darüber, wie man das bereits in der Luft befindliche CO2 wieder einfangen könnte. Und er ist damit längst nicht mehr allein. Start-ups wie das Schweizer Unternehmen Climeworks arbeiten an dem großen CO2-Staubsauger, ebenso wie die Ingenieure von E.ON, RWE & Co.

Carbon Capture and Storage (CCS) heißt die Technologie, mittels derer Luft angesaugt, gefiltert und das Klimagift gebunden wird. Einmal eingefangen, soll das Treibhausgas dann unter der Erde vergraben werden, wo es zwischen Basaltschichten versteinert und nicht mehr stört. Oder, das ist die noch kühnere Vision, es könnte, versetzt mit Wasserstoff, den Sprit der Zukunft liefern – „Synfuel“ oder „eFuel“ genannt. Das wäre dann gewissermaßen das Perpetuum mobile, der klimaneutrale Antrieb für unsere Autos. Was hinten aus dem Auspuff rauskommt, kommt in den Tank vorne wieder rein.

Unumstritten allerdings ist keiner dieser Ansätze. „Viel zu teuer“, sagen die Kritiker und verweisen auf eine Technologie, die seit Jahrtausenden Ähnliches leistet. Und das quasi umsonst: unser Wald.

Rund 2,6 Tonnen Kohlenstoffdioxid wandelt eine gewöhnliche, 35 Meter hohe Fichte in 100 Jahren in saubere Luft um. Wird sie gefällt, speichert sie in ihrem Holz immerhin noch 0,7 Tonnen CO2. Bei einer Buche fällt die Performance wegen ihrer höheren Holzdichte sogar noch besser aus, um etwa plus 30 Prozent in beiden Fällen.

Gar nicht auf dem Holzweg sind deshalb jene Architekten, die Holz nicht länger nur im Kamin brennen sehen wollen, sondern als nachwachsendes Baumaterial der Zukunft preisen. Je nach Größe kann ein Einfamilienhaus aus Holz bis zu 80 Tonnen CO2 speichern. Und sich schon in der Projektphase als echter CO2-Killer beweisen. Während die Produktion von einem Quadratmeter Beton 82 Kilo Kohlenstoffmonoxid in die Luft bläst (bei Ziegeln gleicher Größenordnung sind es 57 Kilo), entzieht ein Quadratmeter Massivholz der Atmosphäre zur gleichen Zeit 88 Kilo CO2 – bei identischer Wärmedämmung.

Und beim Einfamilienhaus muss es auf Dauer nicht bleiben. Im Wiener Gemeindebezirk Donaustadt entsteht gerade das erste Holz-Hochhaus der Welt, 84 Meter hoch, verteilt über 24 Stockwerke, auf einer Gesamtnutzfläche von 25.000 Quadratmetern.  Auch das ist eine Antwort auf den Klimawandel,  mit einer durchaus beeindruckenden Bilanz. Denn errichtet aus Stahl, Beton und Mauerwerk, hätten für das gleiche Gebäude 2.800 Tonnen CO2 mehr in die Luft geblasen werden müssen, etwa so viel, wie knapp 2.000 Berufspendler jedes Jahr auf dem Weg zur Arbeit und zurück mit ihren Autos verursachen.

Noch eine letzte Zahl für heute, wenn auch vordergründig in einem etwas anderen Zusammenhang: 299 Milliarden US-Dollar könnte der Leistungsbilanzüberschuss unseres Landes betragen, wenn das Statistische Bundesamt in Kürze die offiziellen Zahlen bekannt gibt und sich bestätigen sollte, was das Ifo-Institut bereits Mitte August prognostiziert hat. Damit wäre Deutschland 2018 dann erneut Exportweltmeister. Zum dritten Mal in Folge.

Natürlich freuen auch wir uns über die großen Exporterfolge unserer Unternehmen. Aber die Freude ist getrübt. Erstens, weil dieser Überschuss zwangsläufig ein Defizit unserer Handelspartner markiert. Zweitens, weil sich unser aufgebautes Vermögen in der Vergangenheit viel zu oft durch spekulative Anlagen im Ausland in Luft aufgelöst hat, statt hierzulande in Bildung, Innovation oder Infrastruktur zu fließen. Und drittens, das ist uns am allerwichtigsten, weil die Rolle des Exportweltmeisters in dieser Größenordnung (knapp acht Prozent vom Bruttoinlandsprodukt) auf Dauer nicht nachhaltig sein kann. Bereits ein Überschuss von maximal sechs Prozent der Wirtschaftsleistung wird von der EU-Kommission als „stabilitätsgefährdend“ eingestuft.

Mit dem enormen Plus in der deutschen Leistungsbilanz könnten erneut weltweit kritische Simmen aufkommen. Doch das brauchen wir jetzt am allerwenigsten. Denn wenn wir unser Klima retten wollen, müssen wir dafür eng zusammenarbeiten. Wir benötigen eine Diplomatie des Vertrauens und der Vernunft, damit wir unsere guten Vorsätze auch wirklich umsetzen können.

Der Wille dazu ist durchaus vorhanden, aber die Willensstärke darf, wie bei so vielen persönlichen Vorsätzen für das neue Jahr, nicht wie ein Muskel erschlaffen – sehr stark am Anfang, aber leider auch sehr schnell ermüdend. Das ist mein Wunsch für 2019: etwas mehr Muskeln für nachhaltiges Handeln.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen starken Start ins Neue Jahr 2019.

Ihr


Das wahre Leben des Autors: „Papi, alle zwei Minuten wird Regenwald so groß wie 35 Fußballfelder abgeholzt! Aber wir brauchen den Wald doch zum Atmen. Wieso stoppst Du das nicht!?“
Michael Braun lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und Hund sowie zahlreichen Fragen um unsere Zukunft im bayerischen Voralpenland.