Ökonomics - Meat the future

ESG-Brief I Ausgabe 5/2019: Meat the future

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

diese Werbekampagne will offenbar nichts weniger als die Welt verändern. „It’s like milk but made for humans“, heißt es auf den großformatigen Plakaten, die uns gerade in fast jeder deutschen Großstadt begegnen. Ja, was denn nun? Milch oder keine Milch? Etwa ein neuer Muntermacher für die Nation, für den es künftig keine Kuh mehr braucht?

So ungefähr, aber der Reihe nach: Hinter der aufmerksamkeitsstarken Werbekampagne steckt das schwedische Unternehmen Oatly, gegründet von dem Chemiker und Geschäftsmann Rickard Öste. Seine Idee, ein pflanzliches Ersatzprodukt für Kuhmilch anzubieten, hergestellt aus Hafer, klingt auf den ersten Blick ein bisschen esoterisch – interessant allenfalls für Menschen mit einer Laktose-Intoleranz.

Aber der Markt, den sich Öste mit seinem Produkt gerade erschließt, ist offenbar sehr viel größer. Knapp 100 Millionen Euro hat sein Unternehmen 2018 erwirtschaftet, rund 70 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Im Heimatland Schweden greift schon jeder zweite Verbraucher regelmäßig zu dem Hafer-Drink. Und auch in New York gilt die Marke mittlerweile als der Hipster unter den Milch-Alternativen. Denn die Frage, die das Produkt aufwirft, ist alles andere als esoterisch. Sie lautet: Wie können wir die rasant wachsende Weltbevölkerung noch vernünftig ernähren, wenn im Jahr 2050 fast zehn Milliarden Menschen die Erde bevölkern werden? Nachhaltig und klimafreundlich?

Die Landwirtschaft im Allgemeinen und die Kuh im Besonderen gelten gemeinhin als nicht besonders verdächtig, wenn wir über die Ursachen der Erderwärmung diskutieren. Aber das Gegenteil ist richtig. Wussten Sie zum Beispiel, dass eine Kuh jeden Tag bis zu 250 Liter Methan ausstößt – ein Treibhausgas, 25-mal schädlicher als Kohlendioxid? Bei 1,5 Milliarden Rindern weltweit kommt da so einiges zusammen. Und ihr Schadstoffausstoß dürfte mit dem wachsenden Appetit der Menschheit in den nächsten Jahren noch erheblich zulegen. Bis zum Jahr 2050, prognostiziert Peter Manning, Wissenschaftler am Frankfurter Senckenberg-Institut für Biodiversität und Klima, könnten die Viehherden dann jedes Jahr „Methan in einer Menge emittieren, die dem Erwärmungspotenzial von 4,7 Gigatonnen Kohlendioxid entspricht“. Das wären 70 Prozent mehr als heute und fast fünfeinhalbmal so viel, wie die Menge der Treibhausgase, die eine Industrienation wie Deutschland jährlich in die Luft pustet.

Für Roger Lienhard, Gründer der Schweizer Beteiligungsgesellschaft Blue Horizon, sind diese Zahlen Grund genug, nur noch in Unternehmen zu investieren, deren Produkte Menschen satt machen, ohne das Klima weiter zu schädigen. Etwa in Start-ups, die tierfreie Burger anbieten oder Camembert aus veganer Herstellung. Das halbe Jahr über lebt der Mann in Kalifornien. Von dort weiß er zu berichten, dass unter den Vorwärtsdenkern im Silicon Valley mittlerweile schon schräg angeschaut werde, wer im Restaurant noch ein Steak bestelle. „Fleisch ist ein Auslaufmodell“, sagt Lienhard, vergleichbar dem Benzinauto.

Nun gut, das ist Ansichts- und auch Geschmackssache. Aber richtig daran ist, dass wir unsere selbst gesteckten Klimaziele nur erreichen können, wenn auch die Nahrungsmittelindustrie ihren Beitrag dazu leistet. Einen besonders revolutionären Lösungsvorschlag in dieser Hinsicht hat Mark Post, ein Gefäßmediziner aus den Niederlanden, bereits vor einigen Jahren präsentiert. 2013 war es, als er der staunenden Weltöffentlichkeit in London den ersten Invitro-Burger der Menschheitsgeschichte vorstellte – eine Rindfleisch-Bulette, für die kein einziges Tier hat sterben müssen. Seinen 250.000 Euro teuren Hamburger-Prototyp, finanziert mit Geldern von Google-Gründer Sergey Brin, züchtete er in der Petrischale im Labor, mit isolierten Stammzellen aus dem Muskelgewebe von Kühen. Und stellte auf der Pressekonferenz gleich auch noch in Aussicht, dass sein In-vitro-Fleisch, eine industrielle Fertigung vorausgesetzt, bald so günstig sein könne wie konventionelles Hackfleisch beim Metzger um die Ecke. Gesünder sowieso, tiergerechter und auch ökologischer. Denn für das Laborfleisch müssen weder Antibiotika eingesetzt werden, noch kommt es zu übermäßigem Landverbrauch. Eine Meat-the-future-Idee sozusagen.

Seitdem sind ein paar Jahre vergangen. Und so futuristisch wie 2013 hört sich die Idee von Mark Post heute nicht mehr an. Seit selbst Wiesenhof-Produzent PHW, Deutschlands größter Geflügelzüchter, Anfang 2018 eine Beteiligung an dem israelischen Kunstfleischproduzenten SuperMeat erworben hat – eine Firma, die Retorten-Hühnchen-Fleisch ähnlich wie Post entwickelt –, ist seine Vision um ein paar Anhänger reicher. Auch Tyson Foods, der führende Fleischverarbeiter in den USA, hat sich mittlerweile an Start-ups der Szene beteiligt, ebenso wie die Selfmade-Milliardäre Bill Gates und Richard Branson. Das auf pflanzliche Fleischprodukte spezialisierte Unternehmen Beyond Meat aus Los Angeles hat unterdessen sogar schon seinen Gang an die Börse absolviert – und zwar so erfolgreich, dass die Aktie Anfang Mai (Ausgabepreis: 25 Dollar) binnen nur zwei Tagen zeitweise auf über 70 Dollar in die Höhe schoss und den Unternehmenswert von zunächst 1,5 Milliarden Dollar auf rund vier Milliarden Dollar katapultierte.

So wird unsere Speisekarte in der Zukunft wohl noch um ein paar Spezialitäten länger. Neben Pflanzen- und In-vitro-Fleisch könnten dann auch Grillen und Heuschrecken die Schnitzel und Steaks von den Tellern verdrängen, weil sie sich als hochwertige Proteinlieferanten weit nachhaltiger halten lassen als Rinder oder Schweine. Experten der Welternährungsorganisation FAO schätzen, dass Insekten aktuell schon mehr als zwei Milliarden Menschen weltweit ernähren. Bisher vorrangig in Asien, Afrika und Lateinamerika, aber vielleicht auch schon bald bei uns in Europa.

Das Kölner Start-up Swarm Protein etwa liefert bereits Fitnessriegel auf Dattelbasis frei Haus, gefüllt mit zermahlenen Insekten, und ist mit seinen Produkten sogar schon bei Rewe und Edeka gelistet. Und auch die Fast-Food-Kette Hans im Glück serviert unter dem programmatischen Namen „Übermorgen“ seit Neuestem eine Hamburger-Füllung, gespickt mit Larven- statt Lendenfleisch. Selbst McDonald‘s, der umsatzstärkste Buletten-Brater der Welt, hat seit dem 29. April deutschlandweit einen veganen Big Mac in sein Sortiment aufgenommen (aktueller Werbeslogan: „Ob du's glaubst oder nicht: Man kann auf Fleisch verzichten, aber nicht auf guten Geschmack"), gefüllt mit einem Patty auf Soja- und Weizenbasis. 

Kein Unternehmen, das etwas auf sich hält, will den Trend zu mehr Nachhaltigkeit in der Lebensmittelherstellung verschlafen. Ein weiteres Beispiel unter vielen: die Rügenwalder Mühle. Bereits seit 2015 hat der Familienbetrieb aus dem niedersächsischen Bad Zwischenahn fleischfreie Produkte im Angebot – darunter Salami, Geschnetzeltes vom Typ Hähnchen, Leberwurst und Frikadellen. „Um den Klimawandel zu stoppen, brauchen wir bessere Ideen“, wirbt das Unternehmen auf ganzseitigen Anzeigen in überregionalen Tageszeitungen. „Fleisch aus Pflanzen“, heißt es dort, „ist keine Idee von ein paar Spinnern, sondern DER weltweite Game-Changing-Trend schlechthin.“

Alle diese Ideen werden unsere herkömmliche Nahrungsmittelproduktion kurzfristig sicher nicht vollständig ersetzen, aber die Disruption in der Nahrungsmittelindustrie ist in vollem Gange. Es wird Gewinner und Verlierer geben. Langfristig orientierte Investoren setzen auf die Gewinner von morgen. Damit wir uns auch morgen noch einen „Guten Appetit“ wünschen können.

Ihr


Das wahre Leben des Autors: „Wir wollen endlich mal wieder einen Burger essen!“, schreien meine  Kinder  vom Rücksitz des Autos. „Burger essen ist nicht gesund fürs Klima!“, rufe ich nach hinten. „Das Klima soll ja nicht den Burger essen!“, erwidern sie lautstark. Erschöpft von einem langen Arbeitstag halte ich bei einem goldenen M – mit dem festen Vorsatz, beim gemeinsamen Essen alles zu erklären.

Michael Braun lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und Hund sowie zahlreichen Fragen um unsere Zukunft im bayerischen Voralpenland.