Ökonomics - Flüssiges Gold

ESG-Brief I Ausgabe 4/2019: Flüssiges Gold

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

gerade mal knapp zwei Wochen ist es her, da gedachte die Weltgemeinschaft des wichtigsten Gutes, das sie besitzt. Wertvoller als Gold und nach neuesten Erkenntnissen sogar älter als unser Sonnensystem. Jedes Jahr am 22. März erinnert uns der von den Vereinten Nationen organisierte Weltwassertag für einen kurzen Moment daran, dass ohne H2O kein Leben auf unserer Erde möglich wäre. Und ein paar Tage später dann, nun ja, haben wir das Thema schon wieder verdrängt, weil Wasser für uns alle so überaus selbstverständlich und jederzeit verfügbar ist – zumindest in unseren Breitengraden.

Hahn aufdrehen und fertig. Aber mit dieser Selbstverständlichkeit könnte schon bald Schluss sein. Belastet durch Schadstoffe und Pestizide, wird der Grundstoff allen Lebens immer knapper – auch, weil die Weltbevölkerung weiterhin rasant wächst und der Durst der Welt von Tag zu Tag zunimmt. Im Hitzesommer 2018 haben selbst wir in Deutschland ein Gefühl dafür bekommen, was es heißt, auf dem Trockenen zu sitzen. Schon in gut zehn Jahren werden nach OECD-Prognosen fast 50 Prozent der Weltbevölkerung in „High-Water-Stress-Regionen“ leben. Also in Regionen, in denen mehr Wasser verbraucht wird als zur Verfügung steht. Nicht nur in Afrika, sondern auch in den USA, in China und in Europa. Für Spanien und Griechenland etwa schätzen die Experten des World Resources Institute das Wassermangel-Risiko inzwischen als „extrem hoch“ ein.

Verglichen damit, leben wir zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen noch immer in einem Schlaraffenland. 188 Milliarden Kubikmeter Frischwasser stellt uns die Natur jedes Jahr zur Verfügung. Davon verbrauchen Landwirtschaft, Industrie und Haushalte gerade mal 25 Milliarden Kubikmeter. Und auch der Privatkonsum liegt mit nur gut 120 Litern pro Kopf und Tag hierzulande dank sparsamer Armaturen und Haushaltsgeräte rekord-verdächtig niedrig. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. „Unser tatsächlicher Wasserverbrauch beträgt pro Kopf und Tag ungefähr 5.300 Liter“, sagt Martin Geiger, Leiter der Abteilung Nachhaltigkeit bei der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft DEG.

Das klingt astronomisch viel, aber diese Menge ist erforderlich, um all jene Waren und Güter zu produzieren, die wir täglich konsumieren. Wussten Sie, dass allein die Produktion eines einzigen Baumwoll-T-Shirts knapp 2.500 Liter Wasser verschlingt? Für ein Kilo Rindfleisch 15.000 Liter Wasser vonnöten sind? Und für vier Tafeln Schokolade gleichen Gewichts sogar 17.000 Liter? Es ist dieser virtuelle Wasserfußabdruck, der Deutschland nach den Berechnungen der Organisation Water Footprint Network zu einem der größten Wasserimporteure der Welt macht.

Insofern hat die Verlandung des Aralsees in Usbekistan, noch vor 50 Jahren mit fast 70.000 Quadratmetern das viertgrößte Binnengewässer der Welt (heute ist nur noch ein Zehntel davon übrig), mit unseren Lebensgewohnheiten weit mehr zu tun, als uns lieb sein kann. Ein großer Teil der Baumwolle für unsere Jeans, die in China oder Bangladesch verarbeitet wird, stammt aus eben dieser Region. Ein Beispiel, das zeigt, wie durch den globalen Handel mit wasserintensiven Agrarprodukten das kostbare Nass oft in die falsche Richtung fließt. Von den wasserarmen in die wasserreichen Regionen.

An Technologien, intelligenter mit dem wichtigsten Rohstoff der Welt umzugehen, mangelt es keineswegs. Der Wasser- und Abwasserspezialist Huber aus Berching in der Oberpfalz beispielsweise zählt international zu den führenden Anbietern in Sachen Wasseraufbereitung und Abwasserreinigung. Im kolumbianischen Medellín entstand unter Führung der Huber-Ingenieure gerade erst eine der größten Klärschlammverwertungsanlagen weltweit. Mit einer Kapazität von 400 Tonnen täglich. Und auch wenn im Juni in Regensburg das Museum der Bayerischen Geschichte eröffnet, arbeitet im Hintergrund eine nachhaltige und innovative Systemlösung made by Huber, die es ermöglichen wird, das Gebäude ohne Einsatz fossiler Energieträger zu heizen oder zu kühlen – ganz allein durch die Nutzung der thermischen Energie, die im Abwasser steckt. „Closing the Loop“, lautet die Herausforderung, der sich nicht nur die Spezialisten aus der Oberpfalz stellen. Die Aufbereitung von Abwasser zu qualitativ hochwertigem Brauchwasser, verbunden mit der Möglichkeit, kostbares Trinkwasser einzusparen und weniger oder überhaupt kein Abwasser mehr in die Umwelt abzuleiten.

An technischem Know-how sollte die Herausforderung nicht scheitern. So arbeitet derzeit die Hochschule für Ingenieurwissenschaften der HES-SO Valais-Wallis an einem technischen Verfahren, das Kläranlagen bei der Wasseraufbereitung zu Nettostromerzeugern machen soll. Mit anderen Worten: Statt Energie zu verbrauchen, produzieren sie sogar Energie. Das ist deshalb wichtig, weil in den Industrieländern ein bis zwei Prozent der gesamten Energie für die Abwasseraufbereitung verwendet werden. Möglich machen das mikrobielle Brennstoffzellen, die die im Abwasser enthaltenen Mikroben zur Stromerzeugung nutzen. „Wir verfolgen ein dreifaches Ziel: Wir wollen den Stromverbrauch der Kläranlage senken, das Abwasser aufbereiten und Strom erzeugen“, so Prof. Dr. Fabian Fischer.

Die Nachfrage nach derartigen intelligenten Lösungen könnte in den nächsten Jahren erheblich steigen. Auf 500 bis 600 Milliarden US-Dollar jährlich schätzen Experten den Investitionsbedarf auf dem Weltwasser-markt. Vorausgesetzt, es entstehen dafür auch die nötigen Anreize. Denn unser Wasser ist, gemessen an seiner Knappheit, vielerorts noch immer viel zu billig. „Was nichts kostet, ist auch nichts wert“, warnte Ex-Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe schon vor Jahren. „Weil Wasser zu wenig kostet, verschwenden wir es.“

Und zwar in rauen Mengen. Fast 100 Millionen Liter Trinkwasser versiegen täglich in den maroden Leitungssystemen der Metropolen, bevor es die Menschen überhaupt erreicht. In Südeuropa beträgt der Verlust durch Leckagen zwischen 20 und 30 Prozent, in vielen Entwicklungsländern sogar mehr als 60 Prozent. 33 Milliarden Liter Wasser gehen nach Schätzungen der Weltbank so jedes Jahr in den Städten dieser Welt verloren – genug, um den Verbrauch von New York City über 20 Jahre hinweg decken zu können.

Das ist das große Loch im Eimer, von dem uns das altbekannte Volkslied berichtet, es sei so schwer zu stopfen. Nur so amüsant wie in dem berühmten Duett besungen, ist die Wirklichkeit leider nicht. 

Ihr


Das wahre Leben des Autors: „Wieso fangen wir das Wasser, das vom Himmel regnet eigentlich nicht auf?“, fragte mich mein siebenjähriger Sohn als wir durch den Baumarkt spazierten, und fügte hinzu: „Der Julius hat seine eigene Regentonne!“ Ich hatte Glück und erwiderte kurzerhand: „Schau, mein Lieber, da hinten steht sie ja ... deine neue Regentonne!“

Michael Braun lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und Hund sowie zahlreichen Fragen um unsere Zukunft im bayerischen Voralpenland.