Ökonomics - Deutschland for Future AG

ESG-Brief I Ausgabe 6/2019: Die neue Deutschland for Future AG

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

heute die guten Nachrichten mal zuerst, alle aus dem gerade abgelaufenen Monat:

  • Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) in Freiburg gibt bekannt, dass fast die Hälfte des Stroms in Deutschland bis zum Stichtag am 7. Mai 2019 aus erneuerbaren Quellen gewonnen wurde. Genau: 46,8 Prozent. Soviel wie niemals zuvor.
     
  • Der Plastiktütenverbrauch, bilanziert die Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung (GVM), sinkt unterdessen auf ein neues Niedrig-Niveau. Mit nur noch 24 Tüten pro Kopf und Jahr. Das sind zwei Drittel weniger als noch vor drei Jahren und auch weit unter dem, was die entsprechende EU-Richtlinie fordert – nämlich 40 Tüten pro Nase.
     
  • Und als wäre beides nicht schon gut genug, verspricht Bosch-Vorstandschef Volkmar Denner Mitte Mai dann auch noch, sein Unternehmen werde bereits vom nächsten Jahr an komplett CO2-neutral wirtschaften – an allen 400 Standorten weltweit, als erstes global produzierendes Industrieunternehmen überhaupt.

Das alles ist absolut vorbildlich, prima fürs Klima und verdient Applaus. Den wir uns im Übrigen auch ganz gerne selbst spendieren, wenn wir Altpapier, Dosen und Glas penibel voneinander trennen und in den dafür vorgesehenen Tonnen entsorgen. In die blauen, gelben und braunen Eimer unseres guten Gewissens. Sehr gerne fühlen wir Deutschen uns als Weltmeister der Wiederverwertung und rümpfen die Nase, wenn wir auf unseren Reisen ins ferne Ausland erleben, wie achtlos die Menschen dort mitunter ihren Müll ins Grüne kippen. „Diese Schmutzfinken“, denken wir dann. „Einfach kein Umweltbewusstsein.“

Aber stimmt das auch? Sind wir Deutschen tatsächlich so vorbildlich in Sachen Umweltschutz, wie wir uns oft einreden? Manchmal trügt der Blick in den Spiegel ja ein bisschen. Je älter man wird, desto weniger will man die Falten im eigenen Gesicht wahrhaben. Womit wir dann leider auch schon bei den etwas schlechteren Nachrichten wären:

  • Deutschland, sagt der Umweltforscher Klaus Jacob, der für das Umweltbundesamt gerade erst den 6. GEO-Bericht der Uno zur Lage der Welt („Healthy Planet, Healthy People“) analysiert hat, ist schon längst „kein Öko-Vorzeigeland“ mehr. Selbst Ruanda und Kenia seien in manchen Bereichen weiter – etwa beim Thema Plastiktüten, die in den afrikanischen Ländern längst verboten sind.
     
  • Oder nehmen wir den Verkehrssektor: Nur 68.000 Elektroautos (inklusive der Plug-in-Hybride) wurden nach der Erhebung des Center of Automotive Management 2018 in Deutschland in Betrieb genommen. Das entspricht gerade mal zwei Prozent aller Neuzulassungen und ist vom ursprünglichen Plan der Bundesregierung (eine Million Fahrzeuge bis 2020) weit entfernt. In Norwegen lag die Quote für Stromautos  im vorigen Jahr schon bei fast 50 Prozent.
     
  • In Summe wird Deutschland seine Klimaziele kaum erreichen, weder die selbst gesteckten (40 Prozent weniger Treibhausgase bis 2020) noch die rechtsverbindlichen der EU. Danach müssten die Emissionen allein in den Bereichen Verkehr, Gebäudeenergie und Landwirtschaft bis 2020 um 14 Prozent sinken (zurückgerechnet auf das Basisjahr 2005). Nur glaubt die Bundesregierung offenbar selbst nicht mehr daran, diese Vorgaben erfüllen zu können. 300 Millionen Euro hat Bundesfinanzminister Olaf Scholz für Strafzahlungen in Form der dann fälligen Ankäufe von Emissionsrechten aus dem Ausland schon mal eingeplant. Das bedeutet: Die Versäumnisse der Vergangenheit werden für die deutschen Steuerzahler bald richtig teuer – ganz unabhängig davon, ob die umstrittene CO2-Abgabe nun kommt oder nicht.

Aktionäre, lautet ein gern zitiertes Bonmot des Berliner Bankiers Carl Fürstenberg (1850 - 1933), seien dumm und frech. „Dumm, weil sie Aktien kaufen, und frech, weil sie dann auch noch eine Dividende haben wollen." Das ist natürlich bewusst provokant formuliert, trifft aber ganz gut die Stimmungslage der diesjährigen Hauptversammlungs-Saison. Wohl selten zuvor mussten sich die Dax-Vorstände einer so fundamentalen Kritik stellen.

Zum Beispiel von der 18-jährigen Clara Mayer und der nur ein paar Jahre älteren Luisa Neubauer, die auf den Aktionärstreffen von VW und RWE den versammelten Managern die Leviten lasen. Ihre Botschaft: „Was interessieren uns eure Dividenden, wenn die Tantiemen für unsere Generation ausfallen? Tut endlich etwas für unseren Planeten.“ Die beiden jungen Frauen, mit denen die Fridays-for-Future-Bewegung nun auch in den Schaltzentralen der deutschen Wirtschaft angekommen ist, reklamierten ihr Rederecht nicht als Aktionäre von VW oder RWE, sondern als Miteigentümer einer Sozietät, um deren Zukunftsfähigkeit sie sich sorgen.

Sie wissen, was die Stunde geschlagen hat – etwa, wenn die Non-Profit-Organisation Global Footprint Network bald wieder ihren globalen Erdüberlastungstag ausrufen wird. Das ist der Tag, an dem die Menschheit mehr Guthaben in Form von nachwachsenden Ressourcen verbraucht haben wird, als ihr die Natur jedes Jahr neu zur Verfügung stellt. 2018 fiel das Datum des globalen Erdüberlastungstags auf den 1. August - das war so früh wie niemals zuvor.

Über die Berechnungsmethode lässt sich im Detail streiten, nicht aber über die Tatsache, wie sich der Dispostand im Laufe der Zeit entwickelt hat. Vor 30 Jahren stand die globale Gesellschaft erst im Dezember im Soll. Und es spricht vieles dafür, dass sie die Schuldnerberatung im laufenden Jahr noch etwas früher wird aufsuchen müssen. Nach Global-Footprint-Berechnungen bräuchte die Weltbevölkerung aktuell 1,7 Erden, um nicht in die ökologische Schuldenfalle zu geraten. Und das ist nur der globale Mittelwert. Würden alle Menschen so komfortabel leben wie die in Deutschland, bräuchten wir dafür sogar drei Erden.

Die jungen Fridays-for-Future-Aktivisten kennen diese Zahlen sehr genau – auch wenn sie ihre Vorwürfe gerne etwas drastischer formulieren. Im Grunde genommen führen sie den strafrechtlichen Tatbestand der Insolvenzverschleppung an, wenn sie auf ihren Demos lautstark zur Umkehr aufrufen.

Natürlich sind die protestierenden Schüler radikal. Sie scheren sich nicht um Machbarkeiten, Wirtschaftswachstum und politische Zwänge, weshalb sie uns mitunter auch hoffnungslos idealistisch erscheinen mögen. So manchen geht das ganze Greta-Thunberg-Getue (vielleicht sogar eingeschlossen die kritisierten Dax-Vorstände von VW und RWE, die den Fridays-for-Future-Aktivisten auf ihren Hauptversammlungen brav applaudierten) inzwischen sogar mächtig auf die Nerven. Aber seien wir aufrichtig: Muss die junge Generation ihre Forderungen nicht zwangsläufig ein bisschen radikaler formulieren, wenn sie darauf pocht, eine bessere Welt sei im Bereich des Möglichen? Die Konsensfähigkeit gilt in unserer Gesellschaft als ein sehr hohes Gut. Wer unpopuläre Forderungen aufstellt, wird schnell als Spinner abgestempelt. Aber Fortschritt basiert nun mal nicht ausschließlich auf Konsens, sondern bedeutet, dass etwas geschehen kann, was bislang kein Konsens war.

Mit überzeugenden Schritten geht so manches deutsche Unternehmen voraus. Bis 2050 will Allianz-Chef Oliver Bäte das dreistellige Milliardenvermögen des Konzerns in Gänze „klimaneutral" anlegen. Auch Daimler will künftig auf Kohlestrom verzichten. Der Konzern plant bis 2022 eine CO2-neutrale Energieversorgung seiner deutschen Pkw-Werke und binnen 20 Jahren eine CO2-neutrale Neuwagen-Flotte. Und natürlich darf hier auch der Industriekonzern Bosch nicht fehlen, wie eingangs in den „guten Nachrichten“ bereits erwähnt.

Das macht Mut, das macht Hoffnung und ist die vielleicht positivste Nachricht in dieser Geschichte. Aus der alten Deutschland AG wird möglicherweise bald die neue Deutschland for Future AG. Wollen wir es hoffen …

Ihr


Das wahre Leben des Autors: Als ich mit meiner neunjährigen Tochter  kürzlich in der Schlange an der Supermarktkasse stand, teilte sie lautstark mit: „In diesem Supermarkt kaufen wir nichts mehr, Papa! Das ist ja alles voll von Plastikverpackungen!“ Sie holte weiter aus: „... und in den Pfingsturlaub fahre ich auch nicht mit, ich baue lieber eine Gemüseplantage im Garten und stelle dort mein eigenes Windrad auf, ihr werdet schon sehen!" Alle Blicke der Anwesenden samt Kassierer richteten sich schlagartig auf mich. Tja, was sagt man da noch!? Irgendwie wächst mir das alles über den Kopf ... ich träume von einem Flug nach Biarritz, sitze dort am Meer und esse ein großes Entrecôte avec des frites.

Michael Braun lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und Hund sowie zahlreichen Fragen um unsere Zukunft im bayerischen Voralpenland.