BayernInvest | Konjunktur & Märkte

Ausgabe 3. Quartal 2020

Risiken im Blick behalten

+ Kapitalmarktentwicklung zuletzt weiter freundlich
+ Konjunkturdaten und expansive Politik stützen, Skepsis dürfte aber zunehmen
+ Im zweiten Halbjahr nur noch moderate Zugewinne erwartet
+ Defensivere Positionierung – auch unter Berücksichtigung von ESG-Aspekten – empfohlen

Von Bernhard Grünäugl,
Leiter Investment Strategy und ESG Research der BayernInvest


Liebe Leserinnen und Leser,

„Investieren mit angezogener Handbremse“ lautet derzeit die Devise. Chancen und Risiken sind an den Kapitalmärkten unseres Erachtens aktuell asymmetrisch verteilt. Im besten Fall – die Wirtschaft erholt sich tatsächlich schneller als bislang angenommen, da medizinische und politische Risiken unbegründet bleiben – dürften die verschiedenen Kapitalmarktsegmente, allen voran Aktien, bald auf die Jahresanfangsniveaus zurückkehren. Spätestens dann werden aber wohl die meisten Anleger weitere Zugewinne zum Abbau von Positionen nutzen. Denn in diesem Fall werden die Regierungen und Notenbanken ihre markttreibende Rolle ablegen. Anleihekaufvolumina würden reduziert und weitere Konjunkturhilfen einschließlich des geplanten EU-Wiederaufbaufonds auf der Zeitachse weiter verzögert werden.

Im Gegensatz dazu sind die Risiken einer zweiten Corona-Welle zuletzt zweifellos gestiegen. Die Hoffnungen auf eine V-förmige Erholung der Wirtschaft würden in diesem Fall schmerzhaft gedämpft werden. Neuerliche Probleme in den Lieferketten, geschlossene Produktionsstätten oder auch erneute Konsumzurückhaltung würden sich wohl verheerend auf die Unternehmensbilanzen auswirken. Gewinnrevisionen, Downgrades und Ausfälle wären auch durch die dann zu erwartende noch expansivere Geld- und Fiskalpolitik kurzfristig sicher nicht auszugleichen. Zumal die vielerorts hohen Bewertungsniveaus bereits heute eine Wette auf zukünftig verbesserte Gewinnaussichten darstellen.

Sowohl Optimisten als auch Skeptiker bekommen Argumente geliefert

Sowohl die Vertreter des optimistischen Lagers als auch die Skeptiker dürften in den letzten Wochen Zulauf erhalten haben. Denn zum einen konnten die Konjunkturdaten mehrheitlich positiv überraschen – sog. Surprise Indizes sind sprunghaft angestiegen – zum anderen bereiten aber insbesondere die persistent hohen Corona-Infektionszahlen in Nord- und Südamerika gepaart mit regionalen Ausbrüchen in Asien und Europa Sorgen.

Aus fundamentaler Sicht sind in den kommenden Wochen tatsächlich eher gemischte Konjunkturdaten zu erwarten. Keine Frage: Nach aktueller Lage der Dinge wurde der Tiefpunkt der Corona-Rezession im April durchschritten. Seitdem hellt sich das fundamentale Umfeld auf. Die Wirtschaftsdaten werden auch in den nächsten Monaten unseres Erachtens weiterhin das Narrativ einer graduellen Rückkehr zu positiven Wachstumsraten stützen. Gemessen an den zum Teil überzogenen Erholungsphantasien erwarten wir aber, dass zunehmend enttäuschende Daten veröffentlicht werden und somit die Stimmung der Anleger belasten.

Grafik: Konjunkturdaten – besser als befürchtet! Citi Economic Surprise Index



Die im Verlaufe der Woche vorgelegten Zahlen zur deutschen Industrieproduktion sowie die – zukunftsweisenderen – Auftragseingänge sind bereits Vorboten dafür. In beiden Fällen haben sich zu den Vormonaten zwar Verbesserungen gezeigt, die hohen Erwartungen der Volkswirte sind aber nicht erfüllt worden.

Über die Sommermonate werden zudem die Notenbanken der traditionell geringeren Emissionstätigkeit und eingeschränkten Aktivität der Investoren Rechnung tragen und ihre Anleihekäufe einschränken. Kurzfristig fehlt somit ein wesentlicher Treiber der letzten Wochen. Generell dürften die Notenbanken im zweiten Halbjahr ihre proaktive Handlungsweise zugunsten einer eher reaktiv ausgerichteten Geldpolitik anpassen – sprich nur im Bedarfsfall wie oben beschrieben weitere Maßnahmen beschließen. Nachdem die Bilanzen der global wichtigsten Notenbanken massiv aufgebläht wurden und die Regierungen weltweit rund zehn Bio. USD an Stützungspaketen mobilisiert haben, scheint eine zurückhaltendere Haltung durchaus angebracht. Der nach ständig neuen Impulsen lechzende Kapitalmarkt wird das aber wohl nur widerwillig zur Kenntnis nehmen.

Taktisch defensivere Ausrichtung empfohlen

Wir empfehlen daher Risiken kurzfristig tendenziell abzubauen und Absicherungsinstrumente vorübergehend wieder stärker in das Blickfeld zu nehmen. Wichtig dabei ist allerdings, dass es sich unseres Erachtens nur um temporäre Rücksetzer handeln wird. Denn längerfristig bleiben zwei Trends strukturell erhalten: das Niedrigzinsumfeld und der massive Anlagedruck, der aus den bereits aktiven Liquiditätsprogrammen der Notenbanken resultiert. Die Suche nach Rendite wird also unabhängig von temporären Marktkorrekturen auch in den nächsten Quartalen weitergehen und insbesondere Carry-lastige Kapitalmarktsegmente, sprich Credit und Emerging-Markets-Anleihen, begünstigen. Optimisten und Skeptiker werden in den nächsten Wochen und Monaten wohl beiderseits zusätzlich Argumente geliefert bekommen. Kapitalmarktseitig dürften sie sich unseres Erachtens weitgehend die Waage halten.

Per saldo sehen unsere Ertragsprognosen für das zweite Halbjahr daher auch nur moderat positive Entwicklungen in Aktien- und Spreadprodukten vor. Die Entwicklung wird im Vergleich zum zweiten Quartal in jedem Fall deutlich geringer ausfallen.

Grafik: Ertragsprognosen für das zweite Halbjahr nach Anlageklasse und Ertragsquelle



Portfolien defensiver auszurichten heißt zunehmend aber auch, Governance-Aspekte der ökologischen und sozialen Unternehmensausrichtung in der Portfolio-Titelselektion zu berücksichtigen. Die Resilienz solcher Titel mit hoher ESG-Qualität zeigte sich in der Corona-bedingten Marktverwerfung im Frühjahr eindrucksvoll. Rechtliche und regulatorische Veränderungen werden dies auch in Zukunft wohl noch stärken.

ESG-Themen im Portfolio und bei der Titelselektion berücksichtigen – Schweizer Aktien im Fokus

In diesem Zusammenhang stehen aktuell auch Schweizer Konzerne im Blickfeld. Im vierten Quartal wird es in der Schweiz eine Volksabstimmung über die sog. Konzernverantwortungsinitiative geben – und es zeichnet sich aktuell eine breite Unterstützung in der Bevölkerung dafür ab. Im Kern verfolgt die Initiative das Ziel, dass global agierende Schweizer Konzerne für Verfehlungen mit Bezug zu Menschenrechten oder Umweltstandards ihrer ausländischen Töchter oder auch wirtschaftlich abhängiger Zulieferunternehmen auf Basis Schweizer Rechts zur Rechenschaft gezogen werden können. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit – dennoch befürchten Kritiker unkalkulierbare und umfangreiche Schadensersatzforderungen. Die Beweislast, dass die gebotenen Sorgfaltspflichten im Umgang mit internationalen Standards eingehalten wurden, wird beim Unternehmen liegen. Somit sinkt vermutlich auch die Schwelle, um Klagen einzureichen. Dies wird die Rechtsrisiken erhöhen.

Grafik: Entwicklung Aktienmärkte Schweiz & Euroland seit Mai 2020



In mancherlei Hinsicht würde die Initiative allerdings Schweizer Recht lediglich an die geltenden Vorschriften in anderen europäischen Ländern angleichen. Nichtsdestotrotz zeigte sich zuletzt, dass betroffene Schweizer Konzerne am Aktienmarkt eine schwächere Wertentwicklung aufwiesen als ihre Peergroup – der Kapitalmarkt also durchaus bereits heute sensibel auf potenzielle Risiken in diesen Bereichen reagiert und es sich daher lohnt, frühzeitig ESG-Faktoren bei der Titelselektion zu berücksichtigen.

Ihr
Bernhard Grünäugl