Ökonomics - Wanted: Mut-Macher!

ESG-Brief I Ausgabe 2/2019

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

ja, es war kalt in Davos. Zweistellige Minusgrade in der Nacht, fast die ganze Woche über. Aber das erklärt nicht das kollektive Zähneklappern auf dem 48. Weltwirtschaftsforum (WEF), das in den Schweizer Bergen gerade zu Ende ging. Schon der Risikobericht von WEF-Präsident Børge Brende,  präsentiert eine Woche vor Konferenzbeginn, stimmte die Teilnehmer auf harte Zeiten ein. Auf 114 Seiten reiht der Report eine Schreckensnachricht an die nächste: Klimawandel, Datenkriminalität, geopolitische Risiken und weltwirtschaftliche Spannungen. Unser Planet, so scheint es, schlittert geradewegs in die Katastrophe.

Aber stimmt das auch? Ist wirklich alles so düster wie in Davos beschworen? Die Hilfsorganisation Oxfam, und das passte sehr gut ins Bild, veröffentlichte am Eröffnungstag der Konferenz ihre jährliche Statistik zur Vermögensverteilung. Danach haben die Superreichen ihr Kapital im vergangenen Jahr um zwölf Prozent vermehrt – um 2,5 Milliarden Dollar pro Tag. Die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung hat hingegen ziemlich viel verloren – 500 Millionen Dollar am Tag.

Das sind die Zahlen von Oxfam, aber es existieren auch noch andere Zahlen. „Es gibt eine ganze Industrie, die an Berichten verdient, dass alles immer schlimmer wird“, sagt der ehemalige Weltbank-Präsident Jim Young Kim und wirft der Hilfsorganisation vor, die Fakten in ihrem Sinne zu verdrehen. Nach seiner eigenen Statistik hat sich der Anteil der Weltbevölkerung, der von weniger als 1,90 Dollar am Tag leben muss, seit 1990 von 36 auf aktuell zehn Prozent verringert.

Vielleicht ist es ja ein Paradoxon der Moderne, das uns so zweifelnd in den Spiegel schauen lässt. Niemals zuvor ging es den Menschen so gut wie heute. Und niemals waren ihre Sorgenfalten tiefer. Die Menschen haben offenbar sehr große Angst vor der Zukunft. Vor der Globalisierung, die sie zunehmend als Globalismus empfinden und die in Frankreich die Gelbwesten auf die Straße treibt. Vor der künstlichen Intelligenz, die ihnen morgen womöglich ihre Arbeitsplätze raubt. Und vor dem Klimawandel, der das Raumschiff Erde zur Notlandung zwingen könnte.

Um nicht missverstanden zu werden: Alle diese Befürchtungen sind nachvollziehbar. Darunter vor allem die Sorgen unserer Kinder, die – angeführt von der 16jährigen Klimaaktivistin Greta Thunberg – ihre Klassenzimmer verlassen und die Mächtigen dieser Welt zur Umkehr auffordern. Das macht Mut ebenso wie die Nachricht, dass der Kohleausstieg endlich besiegelt ist und 2038 zumindest in Deutschland das letzte Kohlekraftwerk vom Netz gehen soll.

Aber die Angst, so gut sie den Menschen auch zu schützen vermag, weil sie ihn vor lauernden Gefahren warnt, wirkt, als übertriebene Dosis verabreicht, lähmend wie ein Betablocker. Verschwören sich die Propheten des Untergangs gegen die Macher des Möglichen, wird die düstere Prognose irgendwann zur self-fulfilling prophecy. „Wirtschaftspolitik ist zur Hälfte Psychologie.“ Das wusste schon Ludwig Erhard, der Vater unseres Wirtschaftswunders.

Ein gutes Beispiel dafür, wie ängstlich wir mit unserer Zukunft umgehen, liefert die aktuelle Diskussion um den neuen Mobilfunkstandard 5G. Die fünfte digitale Netzfunkgeneration ist keineswegs nur der schlichte Nachfolger von 4G, sondern eine Technologie, die unseren Datenverkehr revolutionieren wird, in schöpferischer wie auch in disruptiver Hinsicht. Downloads sind künftig in einer Geschwindigkeit von bis zu 10 Gigabit pro Sekunde möglich – eine Steigerung um den Faktor 10 und in der Unternehmenspraxis ein Evolutionssprung, ähnlich wie von der Dampfmaschine zum Smartphone. 5G katapultiert das vielbeschworene „Internet of Things“ endgültig in unsere Gegenwart. Eine Schlüsseltechnologie für die Industrie der Zukunft, für autonom fahrende Autos, die Telemedizin und auch für selbstlernende Maschinen in den Fabriken. „Die Welt wird zum Computer“, sagte Microsoft-Chef Satya Nadella am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos.

Und hierzulande? Die Zahl der Kritiker des neuen Mobilfunkstandards, für den die Bundesnetzagentur ab Mitte März die Frequenzen versteigern will, wächst von Tag zu Tag. Mediziner warnen vor den gesundheitlichen Risiken durch die zunehmende Strahlung, Sicherheitsexperten vor einer Technologie, die künftig auch Gespräche unter Terroristen abhörsicher macht und möglicherweise sogar der Staatsspionage Vorschub leistet. Der chinesische Netzwerkausrüster Huawei steht deshalb mittlerweile zunehmend in der öffentlichen Kritik.

Bleibt zudem die zentrale Frage, wie die bis zu 900.000 benötigten Sendemasten für die neue Technologie über die Republik verteilt werden sollen. Wer schon einmal miterlebt hat, welche Diskussionen nur ein einziger Sendemast auslösen kann, besitzt eine ungefähre Vorstellung davon, was jetzt auf uns zukommt.

„Not in my backyard“ – nicht in meinem Hinterhof –, sagen die Amerikaner, wenn sie mögliche Gefahren von sich fernhalten wollen. Aber wie fern genau? Die Tür zu dem neuen Milliardengeschäft ist längst aufgestoßen und zukunftsorientierte Unternehmen haben sich auch schon entsprechend in Stellung gebracht. Der Chiphersteller Qualcomm etwa prognostiziert, dass die 5G-Technologie bis zum Jahr 2035 einen zusätzlichen Markt in Höhe von 12,3 Billionen US-Dollar generieren und bis zu 22 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen könnte.

Die alles entscheidenden Fragen lauten deshalb: Wollen wir dabei sein oder ängstlich danebenstehen? Wollen wir die Zukunft aktiv und nachhaltig mitgestalten (mit allen berechtigten Sorgen, die uns dabei begleiten) oder uns stattdessen gestalten lassen? Aktuell ist Deutschland in Sachen 5G-Netzausbau im internationalen Vergleich „im Mittelfeld“ – kein Vorreiter, aber auch kein Nachzügler, konstatierte vor wenigen Wochen der finnische Mobilfunkausrüster Nokia. Ganz vorne dabei sind dagegen die USA und Asien, namentlich die Länder Südkorea sowie Japan und natürlich auch China.

Chinas Staatschef Xi Jinping, der neue Angstgegner auf der weltpolitischen Agenda, den George Soros in Davos als den „gefährlichsten Gegner offener Gesellschaften“ attackierte, hat sich bereits sehr deutlich festgelegt. Bis 2049, so das von ihm formulierte Staatsziel, soll das Reich der Mitte in allen relevanten Disziplinen an der Spitze stehen. In jeder Schlüsselbranche will er bis dahin den Weltmeister-Titel errungen haben. In der Informations- und Kommunikationstechnologie, in der Biomedizin, der Luft- und Raumfahrttechnik und natürlich auch in der Roboterfertigung. Nur der Titel des Fußball-Weltmeisters fehlt eigentlich noch in seiner Auflistung.

Das ist „Optimismus“ pur und in seinem überaus großen Hegemonialanspruch für unseren Geschmack auch nicht gerade sympathisch. Aber die Bedenkenträgerei, die uns im Ausland oft als „German Angst“ vorgeworfen wird, ist es nicht minder. Rentenkatastrophe. Verarmung. Artensterben. Flüchtlingskrise. „Schon allein beim Lesen kann man eine Arthritis bekommen“, notiert Zukunftsforscher Matthias Horx. Die Wahrheit liegt wohl besser in einer gesunden Mitte: Chancen frühzeitig erkennen, ohne ihre Risiken zu verleugnen. Das zumindest ist die Art von Nachhaltigkeit in der zentralen Zukunftsbranche Telekommunikation, wie wir sie anstreben.

Apropos Nachhaltigkeit: Drinnen im Kongresszentrum von Davos ging es in diesem Jahr so intensiv wie selten zuvor um dieses wichtige Thema. Um Biodiversität, Plastikmüll in den Meeren und die radikalen Veränderungen, die nötig sind, um den Klimawandel zu stoppen. Draußen warteten derweil die Luxus-Limousinen mit laufenden Motoren, um die Gäste von einem Veranstaltungsort zum nächsten zu kutschieren – meist nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. „Die Luftqualität in dem beschaulichen Bergdörfchen Davos“, registrierten die Reporter vom Handelsblatt, näherte sich in dieser Woche sehr bedenklich „den Zuständen in jenen Schwellenland-Metropolen, über deren Umweltprobleme drinnen diskutiert wurde“. Wohl wieder ein Paradoxon der Moderne?!

Ich wünsche Ihnen einen Februar mit vielen mutigen Entscheidungen.

Ihr


Das wahre Leben des Autors: Neulich fragte mich mein 7jähriger Sohn: „Wieso heizen wir eigentlich noch bis 2038 in Deutschland mit der dreckigen Kohle? Wir haben doch genug Sonne und Wind auf der Erde!“
Michael Braun lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und Hund sowie zahlreichen Fragen um unsere Zukunft im bayerischen Voralpenland.