Ökonomics

ESG-Brief I Ausgabe 11/2018

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Sehr geehrte Damen und Herren,

„Eisberge“ mitten in Rom. Die Ewige Stadt versank im Oktober in einem gewaltigen Hagel- und Regensturm. Als wär das nicht genug, erwischte es einige Tage später das ganze Land. Die Behörden riefen für weite Teile Italiens die höchste Alarmstufe aus.

Schuldenberge mitten in Europa. Die EU-Kommission wies den italienischen Haushaltsentwurf für 2019 zurück. Grund: Ausweitung der Neuverschuldung Italiens in Höhe von 2,4 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr - dreimal so viel wie von der Vorgängerregierung zugesagt.

Für die EU-Kommission mehr als ein gewaltiger Hagel- und Regensturm: Schon heute weist das Land einen enormen Schuldenberg von 2,3 Billionen Euro auf und damit mehr als 130 Prozent der Wirtschaftsleistung. Ein exzessives Niveau. So sehen es auch die Ratingagenturen und gaben schlechte Noten - kurz vor Ramsch-Niveau. Die Märkte reagierten vergleichsweise gelassen; die unaufhaltsame Klimaveränderung in der Eurozone scheint derzeit noch etwas aufgeschoben. Eines ist bereits heute klar: Der italienische Weg ist das offensichtliche Gegenteil eines nachhaltigen finanzpolitischen Kurses.

Und das italienische Wetter? Wer hier immer noch den Klimawandel leugnet, sollte den eigenen Kurs  schleunigst überdenken. „Die Temperatur der Meeresoberflächen hat sich durch die globale Erwärmung verändert“, sagt Peter Hoffmann, Meteorologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die Dynamik und Intensität solcher Ereignisse werden unsere Zukunft gesellschaftlich und wirtschaftlich mitbestimmen.

Der Erfolg langfristig orientierter Investoren hängt essenziell davon ab, wie beständig und zukunftsfähig die Entscheidungen und Rahmenbedingungen in Unternehmen, Politik und Gesellschaft sind. Nachhaltigkeit und Zukunftsorientierung sind unsere zentralen Themen in diesem neuen, ab sofort monatlich erscheinenden ESG-Brief. Und zwar in ihrer gesamten Bandbreite.

Wir sind fest davon überzeugt, dass der nachhaltige Weg ein zukunftsweisender ist und die Finanzwirtschaft eine besondere Verantwortung dafür trägt. Wir können das Geld in die richtigen oder auch in die falschen Bahnen lenken. Mit Kapitalanlagen, die den Klimawandel stoppen oder ihn weiter anheizen. Und auch mit Investitionen, die unser globales Wohlstandsmodell stärken oder schwächen. Bestimmt wird jeder von uns gerne unterschreiben, was im Brundtland-Bericht der Vereinten Nationen 1987 erstmals als Ziel von Nachhaltigkeit definiert wurde: eine Entwicklung zu befördern, die unsere Bedürfnisse befriedigt, ohne zu riskieren, dass nachfolgende Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht mehr befriedigen können. Nur sind wir davon leider noch weit entfernt.

Wir informieren regelmäßig und begleiten kritisch, auf welchen Wegen wir uns diesem Ziel annähern können. Damit am Ende allen Stakeholdern langfristig gedient ist – der Weltgemeinschaft als Ganzem, aber auch dem einzelnen Investor. Damit endlich zusammenwächst, was  letztendlich zusammengehören muss: Ökologie und Ökonomie, Wertorientierung und nachhaltige Rendite. Darüber berichten wir in unserem monatlichen ESG-Brief „Ökonomics“.

„Um langfristig zu prosperieren, muss jedes Unternehmen nicht nur eine finanzielle Leistung erbringen, sondern auch zeigen, wie es einen positiven Beitrag zur Gesellschaft erbringt.“

Diese Worte stammen von BlackRock-Chef Larry Fink, der mit einem verwalteten Kapital von gut sechs Billionen Dollar den mit Abstand größten Vermögensverwalter der Welt führt und über einen Anteilsbesitz von aktuell rund 72 Milliarden Dollar auch als heimlicher Herrscher über unsere DAX-30-Unternehmen wacht. Diktiert hat er seinen Brandbrief zwar schon im Januar dieses Jahres, aber er hallt in den Vorstandsbüros der Konzerne bis heute nach. Denn hier fordert kein Greenpeace-Aktivist auf der letzten Eisscholle zur Einsicht auf, sondern einer der mächtigsten Finanzarchitekten überhaupt. Die angeschriebenen Manager wissen sehr genau: Liebesentzug kann in diesem Fall sehr teuer werden. 

Teuer wird es in Zukunft mit Sicherheit für solche Unternehmen, die den Kohlendioxidausstoß weiter erhöhen und so den Klimawandel mit seinen schweren Folgen ungebremst befeuern. Der aktuelle Weltklimabericht des IPCC fand dafür kürzlich scharfe mahnende Worte und korrigierte das 2-Grad-Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen aus dem Jahr 2015 auf 1,5 Grad. Für Investoren eine klare Ansage für ihre Kapitalanlagen: Im Portfolio mutieren solche Unternehmen zur Spreu, die weiterhin an fossilen Energieträgern festhalten; das Risiko wird schlichtweg größer. Goldenen Weizen mit guten zukünftigen Ertragschancen dagegen fährt ein, wer auf zukunftsorientierte und erneuerbare Energien setzt.

Dass die EU-Kommission im März ihren Aktionsplan zu „Sustainable Finance“ vorgelegt hat, erscheint uns deshalb nur folgerichtig. Es geht dabei im Kern um drei wesentliche Fragen. Erstens: Wie sind Kapitalflüsse auszurichten, dass sie eine nachhaltigere Wirtschaft begünstigen? Zweitens: Wie kann Nachhaltigkeit am besten ins Risikomanagement eingebettet werden? Und drittens: Wie lässt sich die notwendige Transparenz für die Anleger herstellen?

Nur am einheitlichen Verständnis darüber, was Nachhaltigkeit denn nun eigentlich bedeuten soll, mangelt es leider noch. Natürlich, wir können jetzt noch ein paar Jahre ins Land gehen lassen, bis sich die EU-Kommission auf eine allgemeingültige Definition geeinigt hat. Aber am Ende wird der Umweltaktivist wohl nach wie vor eine andere Auffassung von Nachhaltigkeit vertreten als beispielsweise der Aufsichtsrat in einem Stahlkonzern. Vielleicht ist Geschwindigkeit in diesem Fall wichtiger als Genauigkeit auf die letzte Kommastelle.

Dass wir unsere heutigen Bedürfnisse nur insoweit befriedigen dürfen, dass auch nachfolgende Generationen ihre Bedürfnisse noch befriedigen können, wie es der Brundtland-Bericht einst definierte, scheint uns vorerst ausreichend. Das ist zugegebenermaßen eine sehr allgemeine Definition. Aber das ist auch der kategorische Imperativ von Immanuel Kant, mit dem wir noch heute, 220 Jahre nachdem er sein Moralgesetz formuliert hat, ganz gut leben können: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Start in den neuen Monat.

Ihr