Ökonomics - Captain Kirk grüßt Smart City

ESG-Brief | Ausgabe 12/2018

von Dr. Michael Braun
Geschäftsführer der BayernInvest

Liebe Leserinnen und Leser,

jedes Jahr die gleiche bange Frage: Kommt sie oder kommt sie nicht? Die schönste Bescherung an der Börse, die große Jahresendrally? Die Statistiker sagen: Vieles spricht dafür. Denn in den vergangenen 30 Jahren schloss der DAX den Monat Dezember nur achtmal im Minus ab, 22-mal hingegen mit Kursgewinnen – in der Spitze mit verlockenden 9,23 Prozent. Das heißt: In drei von vier Fällen liefert die Börse zum Fest der Liebe die Weihnachtsgans quasi frei Haus.

Schön zu wissen, dass der „Stock Trader’s Almanac“ als Trading-Bibel für saisonale Effekte dieses Phänomen für die letzten sieben Handelstage des Jahres sogar schon seit Gründung des Dow Jones im Jahr 1896 beobachtet. Nur, zur Wahrscheinlichkeitsrechnung gehört eben auch die Tatsache, dass das Unwahrscheinliche eintreten kann. Dass dies derzeit gar nicht so fern liegt, zeigen die täglichen Unruhen an der Börse aufgrund von Brexit-Turbulenzen, italienischen Haushaltsstreitigkeiten, Zollkonflikten und Ukraine-Krise. Vertrauen in Statistik sieht anders aus. Und mal ganz ehrlich: Wollen wir unsere Investments wirklich von der Laune des Kalenders abhängig machen? Und mit der „Santa Claus Rally“ noch einmal an den Weihnachtsmann glauben?

Wir sind der Überzeugung: Solche saisonalen Effekte (despektierlich ließe sich auch von Bauernregeln für die Börse sprechen) führen in der Praxis nicht wirklich weiter. Nachhaltiges Investieren bedeutet für uns, über den Tag hinauszudenken. Denn zukunftsorientierte Unternehmen reüssieren langfristig am Markt, nicht nur im Dezember.

Apropos Weihnachten: Wussten Sie, dass die Stadt New York als City of Lights allein zur Adventszeit 0,2 Prozent des gesamten Strombedarfs der USA für sich allein verbraucht? Forscher an der norwegischen Universität Trondheim haben diese Zahl jetzt noch einmal zum Anlass genommen, um den CO2-Fußabdruck in 13.000 Ballungsräumen weltweit zu messen. An der Spitze stehen neben New York mit einem jährlichen Ausstoss von 233 Megatonnen Kohlendioxid, Südkoreas Hauptstadt Seoul (276 Megatonnen) und das südchinesische Guangzhou (272 Megatonnen). Die Schlussfolgerung der Forscher: Wenn der Klimawandel gestoppt werden soll, muss die Energiewende in den Städten gelingen. Denn schon heute ist die Hälfte der Weltbevölkerung in urbanen Zentren zu Hause. Und damit hat die größte Völkerwanderung aller Zeiten ihr Ziel noch lange nicht erreicht. Erfüllen sich die Prognosen der Vereinten Nationen, werden im Jahr 2050 zwei von drei Erdenbürgern in städtischen Gebieten leben – insgesamt 6,5 Milliarden Menschen.


Weltweit lag der CO2-Ausstoß im Jahr 2017 bei sage und schreibe 53,5 Gigatonnen. Damit sei er, wie ein UN-Report im Vorfeld der heute beginnenden 24. UN-Konferenz im polnischen Katowice berichtet, nach drei relativ stabilen Jahren wieder gestiegen. Die Forscher warnen eindringlich: Die Staaten müssen ihre Bemühungen verdreifachen, wenn sie denn das 2-Grad-Ziel aus dem Pariser Klimaabkommen erreichen wollen. Die positive Nachricht: Noch sei eine Kehrtwende möglich.

In Deutschland ist übrigens Köln die Stadt mit dem größten CO2-Fußabdruck und rangiert mit einem Ausstoß von jährlich 69 Megatonnen auf Platz 31 im globalen Ranking der Trondheimer Forscher. Die Hauptstadt Berlin folgt erst auf Rang 62 (32 Megatonnen) und zeigt, dass die Trendwende durchaus möglich ist.

Seit der 2009 geschlossenen Klimaschutzvereinbarung mit dem Berliner Senat hat zumindest der Hauptstadtversorger Vattenfall seine Emissionen, zurückgerechnet auf das Basisjahr 1990, glatt halbiert – auf aktuell nur noch 6,3 Millionen Tonnen. Frei nach J.F. Kennedy darf Vattenfall-CEO Magnus Hall jetzt von sich behaupten: „Icke bin a guta Berlina.“

Damit sind die Einsparpotenziale allerdings noch lange nicht erreicht. „Wir müssen das System Stadt völlig neu denken“, sagt etwa Philip Leistner, Professor an der Universität Stuttgart und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik in Stuttgart und Holzkirchen. „Unsere Vorstellung geht dahin, dass jedes Haus künftig zu einem kleinen Kraftwerk wird. Also zu einem Gebäude, das mehr Energie erzeugt, als es selbst verbraucht.“

In der südkoreanischen Vorzeigestadt Songdo demonstrieren uns Architekten, was heute bereits möglich ist. Seit 2005 ist hier nach Planungen des US-Generalunternehmers Gale International unter Einbindung des Technologiekonzerns Cisco der Prototyp einer durch und durch smarten City entstanden.

Sensoren sammeln Wetterdaten, messen das Verkehrsaufkommen, die Temperatur von Gebäuden und auch die Luftqualität. Im städtischen Kontrollzentrum, einer Art Kommandobrücke, wie sie sich Captain James T. Kirk an Bord seiner Enterprise nicht besser hätte wünschen können, laufen alle Daten zusammen. Wo läuft der Verkehr störungsfrei? Und wo sollten die Ampeln auf Grün schalten, damit es weitergeht? Auf „30 bis 40 Prozent“ beziffert Anil Menon, Global President für Smart Connected Communities bei Cisco, das Einsparpotenzial einer derart klug vernetzten Metropole.


Die zunehmende Urbanisierung ist nur einer der vielen Umbrüche, vor denen unsere Welt gerade steht. Die Elektromobilität, der demografische Wandel und natürlich auch die disruptive Kraft der Digitalisierung markieren weitere Megatrends, die unser Leben revolutionär verändern werden. Die neuen Geschäftsmodelle, die dabei entstehen, benennen die Gewinner von morgen. Unternehmen, die zukunftsorientiert und zugleich ökologisch wie sozial am Markt agieren, gehören für uns deshalb ins Portfolio jedes nachhaltig denkenden Investors.

Ein Auswahlprinzip, das sich in einem ersten Ansatz nun auch Brüssel zu eigen gemacht hat. Erstmals verpflichtet die europäisch verbindliche Richtlinie EbAV II die Versorgungseinrichtungen ab 2019 nun dazu, die Leistungsempfänger darüber zu informieren, inwieweit sie ESG-Aspekte bei ihrer Geldanlage berücksichtigen. Mit Aschenputtels Worten: „Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“

Die Renten sind damit zwar nach wie vor nicht hundertprozentig „sicher“, wie uns Arbeitsminister Norbert Blüm einst glauben machen wollte, aber doch eine ganze Note sicherer. Und wenn das Depot Ende Dezember, wie in so vielen Jahren zuvor, dann noch um ein paar Prozentpunkte zulegt, freuen wir uns natürlich auch darüber.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine schöne Adventszeit.

Ihr


Das wahre Leben des Autors: "Papi, wieso fährst Du nicht einfach mit dem Zug ins Büro, sondern mit dem Luftverschmutzer-Auto?" "Ja, also der verspätete Zug … mein schönes Auto … ach, lass uns doch erst mal einen heißen Kakao machen."
Michael Braun lebt mit seiner Frau, seinen Kindern und Hund sowie zahlreichen Fragen um unsere Zukunft im bayerischen Voralpenland.