Nachhaltigkeit - eine PR-Blase der Finanzbranche?

Gastbeitrag von Dr. Michael Braun, Geschäftsführer der BayernInvest und Herausgeber Ökonomics, in der Börsen-Zeitung vom 14. Mai 2019

„Die ökologischen Probleme werden die Probleme der nächsten Jahrzehnte sein, und wenn wir hier nicht verantwortungsbewusst vorgehen, werden wir diesen Erdball unbewohnbar machen durch die vielen Umweltschäden, die wir ja jetzt schon absehen können.“

Worte vor knapp 30 Jahren von Alfred Herrhausen, ehemaliger Vorstandssprecher der Deutschen Bank. 30 Jahre später scheint eine ganze Branche aufgewacht zu sein. Sustainable Finance, Green und Social Bonds, nachhaltiges Asset Management sind en vogue. Im Fokus der Bewegung stehen Finanzlösungen, die sich je nach Strategie und Ausprägung auf die Umwelt, soziale und die gute Unternehmensführung betreffende Aspekte fokussieren; kurz „ESG“: Environmental, Social, Governance.

Immenser Handlungsbedarf

Dass die zunehmende Nachhaltigkeitsbewegung in der Finanzbranche grundsätzlich sehr begrüßenswert ist, steht außer Frage. Der Handlungsbedarf ist immens. Es werden Rekordanstiege bei Land- und Meerestemperaturen, dem Meeresspiegel und bei den Treibhausgaskonzentrationen gemessen. Die dramatischen Auswirkungen extremer Wetterbedingungen haben Höchststände erreicht. In 2018 gab es 14 Wetterereignisse, bei denen die Verwüstungen mehr als eine Milliarde Dollar kosteten. Der 6. globale UN-Umweltbericht verdeutlicht, was viele Studien bereits seit einigen Jahren in verschiedenen Schattierungen aufzeigen. „Der Klimawandel bewegt sich schneller als unsere Bemühungen, ihn anzugehen“, lautet die zentrale Botschaft von UN-Generalsekretär António Guterres bei der Vorstellung des Berichts im März dieses Jahres.

Globale politische Lösungen, den Klimawandel zu stoppen, sind derzeit aber leider nicht in Sicht. Vorausschauende Marktteilnehmer wie Allianz oder Munich Re reagieren jedoch bereits heute. Beide Unternehmen wollen sich aus dem Kohlegeschäft komplett zurückziehen und künftig keine neuen Einzelversicherungen für Kraftwerke und Minen mehr anbieten. Die Allianz hat darüber hinaus jüngst angekündigt, ihr Kapital – das ist der sehr viel größere Hebel – bis 2050 in Gänze klimaneutral anzulegen. Dies folgt im Kern einer ökonomischen Logik: Umweltschutz zu betreiben kommt am Ende günstiger, als nichts zu tun. Denn die Kohleverfeuerung als Klimakiller Nummer eins kostet die Versicherungswirtschaft mittlerweile einiges. Auf 160 Milliarden US-Dollar beziffert die Munich Re die Schäden, die im Jahr 2018 durch Naturkatastrophen entstanden sind.

Auch der aktuelle UN-Klimabericht zieht eine ökonomische Bilanz. Die Ausgaben, die für das Erreichen der Pariser Verträge nötig wären, betragen rund 22 Billionen US-Dollar, so die UN. Im Gegensatz dazu könnten die Einsparungen allein im Gesundheitssektor durch geringere Luftverschmutzung rund 54 Billionen US-Dollar betragen.

Lösungsstrategien liefern

Der aktuelle UN-Klimabericht konzentriert sich erstmals auf Lösungsstrategien und diskutiert 25 Best-Practice-Beispiele aus aller Welt. Das ist es, was der Finanzsektor leisten kann: Lösungsstrategien liefern. Als Intermediär und Partner der Wirtschaft kann er die notwendige Transition hin zu mehr Klimaschutz und Nachhaltigkeit – auch unter Berücksichtigung von „Social“ und „Governance“ – finanzieren, Kapitalanlagen in die richtigen Bahnen lenken und zukunftsweisende Produkte auf der Finanzierungs- und Anlageseite entwickeln und anbieten. Die wirtschaftliche Ratio überzeugt: ESG Investments und Finanzlösungen sind nachweislich durch eine bessere risikoadjustierte Performance geprägt.  So sind Wertentwicklungen von unter ESG Aspekten gesteuerten Unternehmen langfristig stabiler, weniger volatil und besser in der Lage Risiken zu vermeiden.

Um als Investor davon zu profitieren, ist ein tiefes Produkt- und Marktverständnis notwendig. Neben der klassischen Fundamentalanalyse im Hinblick auf KPIs wie freier Cashflow, Verschuldungsgrad und Profitabilität geht es insbesondere um das Verständnis von zukunftsorientierten Geschäftsmodellen, die mit ihren Wertschöpfungsketten von einer steigenden Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen profitieren werden; im Mittelpunkt stehen hier Megatrends aus den Bereichen Ernährung und Gesundheit, Energie und Versorgung, Mobilität, demografischer Wandel, künstliche Intelligenz (KI) und Digitalisierung. Gemeint sind zum Beispiel Carbon Capture and Storage (CCS-)-Technologien, mittels derer Luft angesaugt, gefiltert und das Klimagift gebunden wird. Es geht um zukunftsweisende Entwicklungen in der Wasseraufbereitung, bei KI im Agrarsektor sowie bei Fleischersatzprodukten. Denken wir auch an eine recyclingorientierte Wertschöpfung im Konsumgüterbereich, die kostengünstigere Produktionen zulässt, oder an alternative Mobilitätslösungen wie elektrische Flugtaxis und autonomes Fahren als Massentransportmittel für eine Entlastung der Verkehrsinfrastruktur und geringere Emissionen. Das sind allesamt keine Zukunftsvisionen kleiner Start-up-Bewegungen, sondern überwiegend Entwicklungen bei prominenten Großkonzernen. „Wir werden eine Nachhaltigkeitsrevolution erleben, die vergleichbar mit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert ist, aber im Tempo der digitalen Revolution. Es wird die größte Investitionschance und die größte Jobmaschine in der Geschichte sein“, so Al Gore, ehemaliger Vice President der USA und Gründer der nachhaltigen Asset-Management-Gesellschaft „Generation“.

Zentraler Baustein

Auch das regulatorische Umfeld in Deutschland und Europa verändert sich sichtbar. Für Versicherer und Einrichtungen der betrieblichen Altersvorsorge (EbAVs) gibt es bereits verstärkte Transparenz- und Erklärungspflichten hinsichtlich ESG-Belange und -Risiken. Die BaFin hat für 2019 angekündigt, dass sie mit ausgewählten Versicherern und EbAVs die Durchführung von Szenarioanalysen und Klimastresstests thematisieren werde. Nachhaltigkeitsaspekte werden mittelfristig zu einem zentralen Baustein des Kapitalanlage-Risikomanagements und der Asset Allocation.

Die EU-Kommission hat im Mai 2018 zahlreiche Legislativmaßnahmen im Rahmen des EU-Aktionsplans zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums vorgelegt. Jüngst wurde im März eine politische Einigung zwischen Parlament und Mitgliedstaaten über neue Regeln für Offenlegungspflichten im Zusammenhang mit nachhaltigen Anlagen und Nachhaltigkeitsrisiken erzielt. Die neue Verordnung beruht unter anderem auf der Unterbindung von „Grünfärberei“, das heißt von unbelegten oder irreführenden Behauptungen über Merkmale und Vorteile eines Anlageproduktes in Bezug auf Nachhaltigkeit. Für die Einführung eines einheitlichen EU-Klassifizierungssystems („Taxonomie“) nachhaltiger Wirtschaftstätigkeit steht eine abschließende Einigung jedoch noch aus. Derzeit liegt ein Verordnungsentwurf vor, der sich jedoch nur auf ökologische Komponenten von Finanzprodukten und Investitionen fokussiert. Außer dass die UN-Menschenrechtsstandards für nachhaltige Finanzprodukte bindend sein sollen, bleiben soziale und Governance-Aspekte noch außen vor. Dass dies unter ökonomischen Gesichtspunkten nicht nachvollziehbar ist, liegt auf der Hand.

Verlässliche Standards

Somit bleibt es derzeit weiterhin der Finanzwirtschaft überlassen, verlässliche und seriöse ESG-Standards zu definieren. Das Heranziehen von Daten von Nachhaltigkeits-Ratingagenturen kann eine sinnvolle Basis sein. Dies ersetzt aber nicht die Verantwortung, dies durch eine klassische Fundamentalanalyse zu ergänzen, externe Ratingdaten zu hinterfragen und eine nachvollziehbare Ableitung von Investitionsentscheidungen zu liefern.

„An dem Tag, an dem die Manager vergessen, dass eine Unternehmung nicht weiter bestehen kann, wenn die Gesellschaft ihre Nützlichkeit nicht mehr empfindet oder ihr Gebaren als unmoralisch betrachtet, wird die Unternehmung zu sterben beginnen“, so der Vordenker Alfred Herrhausen. Mit Blick auf die Vertrauenskrisen im letzten Jahrzehnt stehen wir vor einer riesigen Chance für die Finanzindustrie und müssen sie verantwortungsvoll nutzen.