BayernInvest | Konjunktur & Märkte

23.08.2021

Vom Klimabericht ins Portfolio

Der jüngste Bericht des Weltklimarats war eindeutig: Das Ziel, die Erderwärmung auf unter 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, ist ohne schnelle Reduktion der Treibhausgasemissionen kaum noch zu erreichen. Ganz im Gegenteil. Bis 2035 dürfte der Temperaturanstieg diese Marke bereits erreicht haben. Dass die Wissenschaft die Klimasensitivität von Treibhausgasemissionen – und damit das für ein gegebenes Erwärmungsszenario noch zur Verfügung stehende globale Emissionsbudget inzwischen besser bestimmen kann - ist da nur ein schwacher Trost. Die Transformation hin zu einer kohlenstoffärmeren Wirtschaftsstruktur gewinnt letztlich dadurch aber nur noch an Dringlichkeit. Die Erwartungen an den Weltklimagipfel im November, zusätzliche Maßnahmen zu beschließen, steigen! Aber nicht nur aus ökoaltruistischen Gründen lohnt es sich Portfolios zu dekarbonisieren. Strategien, die auf eine deutliche Reduktion der Treibhausgasemissionen setzen, werden von der regulatorischen und politischen Agenda profitieren können. Dass Klimastrategien in Aktien- und Rentenmärkten ohne Reduktion der Renditeerwartung und ohne erhebliche ex-ante-Abweichungsrisiken zum Ausgangsuniversum umsetzbar sind, stützt diesen Trend zusätzlich. 

Von Bernhard Grünäugl,
Leiter Investment Strategy und ESG Research der BayernInvest


Bericht des Weltklimarats erhöht Erwartungen an Klimagipfel in Glasgow

Die Kernbotschaften des jüngsten Berichts des Weltklimarats werden auch die Agenda des im November anstehenden Klimagipfels in Glasgow dominieren. Der politische Wille, zusätzliche Ambitionen zu unternehmen, um die Erderwärmung zu begrenzen und die Treibhausgasemissionen zügiger zu reduzieren, scheint derzeit jedenfalls vorhanden. Das angepasste Klimagesetz der deutschen Bundesregierung und die im Rahmen der letzten Fiskalpakete diskutierten Maßnahmen der Biden-Administration in den USA gehen aus Klimasicht in die richtige Richtung. Weitere Schritte müssen aber folgen, wenn das 1,5 Grad-Ziel tatsächlich erreicht werden soll. Der Druck auf Länder, die ihre Klimaziele ambitionierter ausgestalten könnten, beispielsweise Indien oder China, dürfte in jedem Fall steigen. Gleiches gilt für Wirtschaftssektoren, die noch immer mit hoher Treibhausgasintensität arbeiten.

Kernbotschaften des 6. IPCC-Sachstandberichts:

  • Erderwärmung ist vom Menschen verursacht. Der bisherige Temperaturanstieg liegt bereits bei 1,1 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter. Extreme Wetterereignisse werden weiter zunehmen und der Meeresspiegel weiter steigen.
  • Die kumulierten Treibhausgasemissionen bzw. die CO2-Konzentration der Atmosphäre entscheiden über den Temperaturanstieg. Um die globale Erwärmung zu bremsen, muss die Emission von Treibhausgasen dringend reduziert und der Ausstoß von CO2 auf Netto-Null gebracht werden.
  • Um das 1,5 Grad-Ziel mit 50% Wahrscheinlichkeit zu erreichen, steht global nur noch ein Emissionsbudget von rund 500 Gigatonnen zur Verfügung. Soll das Ziel mit einer höheren Konfidenz, bspw. 83% erreicht werden, sinkt das Emissionsbudget auf nur noch 300 Gigatonnen. Im 2 Grad-Szenario sind es bei 50% Konfidenz rund 1.350 Gigatonnen – jeweils bezogen auf den Ausgangspunkt 2019 (globale Emissionen in 2020: rund 40 Gigatonnen).

Quelle: IPCC, Bloomberg, BayernInvest. Stand 07.2021.


Quelle: IPCC, Bloomberg, BayernInvest. Stand 07.2021.


Die Reduktion der Treibhausgasemissionen zur Erreichung der Klimaziele ist ohne Frage eine globale Aufgabe - für alle Länder und Akteure. In einer Studie der Weltbank wird die Verantwortung zur Reduktion von Kohlenstoffemissionen zu 59% institutionellen Investoren und zu knapp 50% Asset Managern zugeschrieben. In der Finanzbranche liegt das Augenmerk auf den Kreditbüchern und Anlageportfolien. In Anlageklassen, in denen sich die Investoren an liquiden Sekundärmärkten erfreuen, ist der Beitrag zur Reduktion der globalen Treibhausgasemissionen in der Regel eher indirekter Natur – der Erwerb einer Aktie oder einer Unternehmensanleihe eines klimafreundlichen Unternehmens bei gleichzeitiger Veräußerung einer entsprechenden Position eines klimaschädlicheren Unternehmens, trägt per se noch nichts zur Reduktion des CO2-Fußabdrucks bei. Allerdings kann hier eine indirekte Wirkung erzielt werden. Die Beeinflussung der Grenzfinanzierungskosten von Unternehmen durch Einbezug bzw. Ausschluss von Finanzierungsströmen sowie die direkte Einflussnahme auf die Unternehmensentscheidungen über das Abstimmungsverhalten auf Hauptversammlungen und den aktiven Dialog mit Unternehmen sind hierbei vorrangig.


Reduktion der Treibhausgasintensität bei Aktien und Unternehmensanleihemärkte – höhere Komplexität, aber mit überschaubaren Abweichungsrisiken zur Benchmark umsetzbar

Dass die Implementierung von Anlagestrategien mit reduzierter Treibhausgasintensität im Aktien- und Unternehmensanleihemarkt nicht notwendigerweise mit erheblichen Einschränkungen einhergeht, zeigt ein Blick auf die nachfolgende Grafik. Auf Basis von MSCI-Indizes wurden die Abweichungsrisiken zum Ausgangsuniversum (gemessen am Tracking Error) der durchschnittlichen ESG-Qualität, gemessen durch den ESG-Score sowie der durchschnittlichen gewichteten CO2-Intensität des Portfolios gegenübergestellt. Es wird deutlich, dass die Abweichungsrisiken selbst bei erheblicher Verbesserung des CO2-Fußabdrucks relativ niedrig gehalten werden können und damit auch das erwartete Rendite- Risikoprofil der Anlagen grundsätzlich unverändert bleibt.

Das Beste aus allen Welten (niedriger Tracking-Error, sehr hohe ESG-Qualität, sehr niedriger CO2-Fußabdruck) zu vereinen bzw. ein Aktien- oder Unternehmensanleiheportfolio nach allen Dimensionen zu optimieren, ist allerdings komplexer.


Quelle: MSCI, BayernInvest. Stand 08.2021.


Quelle: MSCI, BayernInvest. Stand 08.2021.


Die Komplexität der Index- bzw. Portfoliokonstruktion und Portfoliooptimierung steigt durch die zusätzliche Berücksichtigung von Klimafaktoren. Es ist jedoch davon auszugehen, dass sich der Aufwand (und die ggf. damit verbundenen Kosten) letztlich auch finanziell lohnen.

Insbesondere dann, wenn vorwärts gerichtete Kennzahlen in die Optimierung des Portfolios Eingang finden, sollte sich die Strategie in Zukunft etwas besser entwickeln können als marktbreite Strategien. Denn die regulatorische und politische Agenda spricht eindeutig für eine Fortsetzung des zuletzt eingeschlagenen Wegs. Die Konjunkturpakete in Europa und den USA werden klimafreundlichen Investitionen und Unternehmen, die entsprechende Produkte anbieten, direkt wie indirekt zugutekommen. Die Verteuerung von CO2-Emissionen stärkt zudem die fundamentalen Aussichten derjenigen Unternehmen, die sich bereits Klimaziele gesetzt haben oder es in den nächsten Quartalen vorhaben, verglichen mit ihren Wettbewerbern ohne entsprechende Ziele oder Produktlösungen.


Unternehmen mit validierten Klimazielen konnten zuletzt am Kapitalmarkt profitieren

Hinzu kommt, dass die Selbstverpflichtungen zahlreicher Investoren neben dem regulatorischen Fokus auf Klimathemen dafür sorgen, dass die Anlageströme in diese Bahnen geleitet werden.

Bereits in den letzten beiden Jahren ließ sich beispielsweise am europäischen Aktienmarkt unter Berücksichtigung von sektorspezifischen Allokationsbeiträgen – eine Outperformance von Unternehmen feststellen, die sich Klimaziele gesetzt haben. Eine Fortsetzung dieses Trends ist wahrscheinlich. Die in nachfolgender Grafik sichtbare Wertentwicklungs-Schere dürfte sich weiter öffnen. Die im kommenden Jahr erfolgende Anpassung des QE-Programms der EZB, spricht dafür, dass sich auch bei Euro-Unternehmensanleihen eine ausgeprägtere Differenzierung der Wertentwicklung einstellen könnte.


Quelle: Bloomberg, SBTI, BayernInvest. Stand 20.08.2021.


Als Beispiel für die Umsetzung einer Dekarbonisierungsstrategie im Bereich der Unternehmensanleihen kann der BayernInvest ESG Corporate Bond Klimaschutz Fonds, einer der ersten in Deutschland aufgelegten und gemäß Art. 9 SFDR klassifizierten Credit-Fonds, herangezogen werden.

Die Umsetzung der Vorgaben aus der EU-Benchmark-Verordnung für Referenzwerte, die im Einklang mit den Pariser Klimazielen stehen, kommt in der Strategie eine ebenso wichtige Rolle zu, wie dem zukunftsorientierten, aktiven Titelselektionsprozess, um den Dekarbonisierungspfad des Portfolios zu gewährleisten und so auf das Pariser Klimaziel hinzuwirken.

Generell gilt, dass die fortlaufende Reduktion der CO2-Intensität des Portfolios entscheidend ist, um Anlageportfolien mit einem ambitionierten Erderwärmungs-Ziel in Einklang zu bringen. Bei anfänglicher 50% Reduktion der Emissionen gegenüber dem Ausgangsuniversum und fortlaufender, jährlicher 7% Reduktion wird das Portfolio bis 2050 vollständig dekarbonisiert sein – was mit einem 1,5 – 2 Grad Szenario kompatibel ist. Ohne die anfängliche Reduktion der Emissionen, ist eine deutlich stärkere jährliche Dekarbonisierung notwendig, um das gleiche Emissionsniveau in 2050 zu erreichen. Allerdings kommt es, wie oben dargestellt, für die Erderwärmung auf die kumulierten, in die Atmosphäre entlassenen Treibhausgase an!


Quelle: BayernInvest, Stand: 07.2021.


Dass eine sofortige Reduktion des CO2-Fußabdrucks in Euro-Unternehmensanleiheportfolien darstellbar ist, ohne erhebliche Einschränkungen bei der Diversifikation oder der laufenden Rendite hinnehmen zu müssen, wird nach der ausführlichen Untersuchung, die wir im vergangenen Jahr vorgenommen hatten1, anhand der MSCI Fixed Income Indizes damit erneut belegt/ unterstrichen.

Um den zukünftigen Dekarbonisierungspfad effizient verfolgen und managen zu können, sind weitere, zukunftsorientierte Analysebausteine notwendig. Insbesondere im derzeitigen Umfeld niedriger Zinsen und enger Risikoaufschläge bei Unternehmensanleihen sind unnötige Umschichtungen des Portfolios oder gar adverse Entwicklungen einzelner Unternehmen kontraproduktiv.

Drei Bausteine sind - neben den Vorgaben der EU Benchmark-Verordnung - unseres Erachtens in der Portfoliosteuerung unter Klimagesichtspunkten besonders hilfreich, um die Emissionsintensität des Portfolios und der im Portfolio enthaltenen Unternehmen bzw. Einzeltitel möglichst kongruent zu halten:

1Vgl. auch Absolut Impact 04/2020 „Integration der EU-Klimaziele in Corporate-Bond-Strategien“


Quelle: SBTI, MSCI ESG, Markit, BayernInvest. Stand 07.2021.


Quelle: SBTI, MSCI ESG, Markit, BayernInvest. Stand 07.2021.


1. Bei der Auswahl der Emittenten spielen diejenigen Unternehmen eine besondere Rolle, die sich nicht nur Klimaziele auf die Fahnen schreiben, sondern diese auch extern validieren und somit anhand vergleichbarer, wissenschaftlich fundierter Methoden aufgestellt haben. Die Science Based Targets Initiative (SBTI) ist eine solche Einrichtung. Inzwischen haben sich bereits fast die Hälfte der Unternehmen, die am Euro Investment Grade-Unternehmensanleihemarkt aktiv sind, solchen Zielen unterworfen. Im europäischen Aktienmarkt finden sich auch unter den kleineren Unternehmen immer mehr Firmen, die ihre Ziele validieren lassen. Eine Analyse der CO2-Reduktion der Unternehmen ab dem Zeitpunkt der Zielsetzung zeigt, dass diese Unternehmen auch tatsächlich ihre Treibhausgasemissionen reduzieren. Ein Portfolio, das den Schwerpunkt der Investments auf entsprechende Unternehmen setzt, wird somit ebenfalls tendenziell einen fallenden CO2-Fußabdruck aufweisen.

2. Engagement bzw. der aktive Dialog mit Unternehmen nimmt eine weitere wichtige Funktion ein. Unternehmen können beeinflusst werden, Klimaziele zu setzen und extern validieren zu lassen. Stellt sich im Engagementprozess heraus, dass Unternehmen nicht auf den Transformationsprozess einschwenken, können diese im Extremfall de-investiert werden.

3. Einen ähnlichen Effekt hat die prominente Gewichtung von Sustainability-linked Bonds im Portfolio. Dieses stark wachsende Segment der Unternehmensanleihen verknüpft die Rendite der Anleihe mit Nachhaltigkeitskennzahlen des Unternehmens. In der Regel ist der Kupon an die Erreichung bestimmter CO2-Ziele des Unternehmens verknüpft, wobei eine Zielverfehlung zu einem höheren Kupon führt. Insbesondere in Sektoren und bei Unternehmen, die einen ambitionierten Transformationspfad vor sich haben, kann so das Erreichen von Klimazielen auf Unternehmensebene mit Dekarbonisierungszielen auf Portfolioebene verknüpft werden.

Dass die Treibhausgasemissionen auf globaler Ebene reduziert werden müssen, um den negativen Folgen des Klimawandels entgegenzuwirken, liegt auf der Hand. Dass Anleger durch ihre Anlagen in liquiden Aktien- und Unternehmensanleihemärkte einen Beitrag leisten können und dabei weder ihre Erwartungen an die finanzielle Rendite noch Diversifikationsansprüche anpassen müssen, zeigen die vorgenannten Beispiele. Ganz im Gegenteil: Die politischen, regulatorischen wie auch gesellschaftlichen Entwicklungen lassen erwarten, dass Investmentstrategien, die einen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten, in Zukunft vergleichsweise gute Ergebnisse erzielen können.

Mit dem BayernInvest ESG Corporate Bond Klimaschutzfonds erweitern wir die Palette an passenden Angeboten für unsere Kunden – kommen Sie gerne für weitergehende Informationen auf uns zu.

Ihr
Bernhard Grünäugl