BayernInvest | Brief des Chief Investment Officers

Ausgabe 02 - Juli 2021

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

das erste Halbjahr liegt hinter uns und die wirtschaftliche Erholung aus der Corona Pandemie hat an Fahrt aufgenommen. So konnten die Volkswirtschaften im Zuge der Wiedereröffnungen ihr Wachstum beschleunigen und die Erwartungen übertreffen. Während die Mehrheit der Anleger weniger besorgt über die Entwicklung von Covid-19 ist, kehrten andere Sorgen in den Fokus der Anleger zurück. So stieg im zweiten Quartal die Befürchtung, dass die stark anziehende Inflation mehr als nur ein temporäres Phänomen ist. In unserem Basisszenario gehen wir weiterhin von einem Reflationstrend aus, welcher von einem Anstieg der Inflation begleitet wird.


Quelle: BayernInvest; Stand: Q2 2021


Die Höhe der zuletzt berichteten Inflationsraten, die vor allem in den USA mit gut 5 % zu Buche schlägt, weckt Ängste unter den Anlegern. Das Anspringen der Inflation schürt Bedenken, die Zentralbanken könnten früher als erwartet beginnen, die Stimuli massiv zurückzufahren und die Zinsen zu erhöhen. Dieses Tapering (unter dem Begriff Tapering wird im Allgemeinen verstanden, dass die Anleihekaufprogramme der Zentralbanken zurückgefahren werden) könnte je nach Ausgestaltung die Märkte vor neue volatile Herausforderungen stellen.

Die kürzlich abgehaltene Sitzung der US-Notenbank bestätigte diese Richtung, wenn auch sehr vorsichtig, in der Kommunikation und mit einer Umsetzung in Richtung 2023.

Alles in allem verzeichneten die Kapitalmärkte für das erste Halbjahr 2021 positive zweistellige Zugewinne. Die Aktienmärkte notierten teilweise auf Allzeithochs und legten dementsprechend weiter zu. Einzig die Zinsen am langen Ende begannen nach dem fulminanten Anstieg zu pausieren. So stiegen zum Beispiel die Renditen der 10-jährigen Bundesanleihen von -0,6 % auf -0,1 % an, um anschließend wieder gen -0.3 % zu konsolidieren. Das  Weltwirtschaftswachstum beschleunigt sich weiter  und stützt somit unser Basisszenario einer Reflation weiter ab.


Quelle: Bloomberg; Stand: Juni 2021


Die Rohstoffmärkte entwickelten sich ebenfalls weiter positiv, angeführt vom Energiemarkt. Darüber hinaus fällt auf, dass auch Vorprodukte wie Holz in Europa weiter anziehen. Dass die Lieferzeiten für einige Produkte wie Halbleiter ich bereits vervierfacht haben, ist bekannt. In der Zwischenzeit ziehen jedoch auch die Lieferzeiten und Preise für andere Vorprodukte an und treiben dadurch die Inflationssorgen. Die drei großen Einflussgrößen für die Inflation sind bekanntlich Rohstoffe, Löhne und Mietpreise. Während ein Anziehen der Rohstoffpreise gut zu erkennen ist, ziehen die anderen beiden genannten großen Treiber bisher in der Eurozone weniger stark an.


Quelle: Bloomberg; Stand: Juni 2021


Mit Blick auf die Aktienmärkte rechnen wir im zweiten Halbjahr 2021, basierend auf dem eingepreisten zweistelligen Gewinnwachstum, mit wenig Aufwärtspotenzial und gehen von einer Konsolidierungsphase aus.

Während Aktien für viele Anleger im Angesicht niedriger Anleihe-Renditen und Negativzinsen alternativlos erscheinen, bieten sie zusätzlich zur Dividende auch die Möglichkeit, am Wirtschaftswachstum zu partizipieren. Vergleicht man die Aktienbewertung mit den Zinsen, fällt auf, dass die Risikoprämie weiterhin attraktiv erscheint. Die Risikoprämie ermittelt sich aus der Differenz von Gewinnrendite des Aktienmarktes und Verzinsung zehnjähriger Staatsanleihen. Die Gewinnrendite entspricht dem Kehrwert des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV). Die Logik ist einfach, je niedriger die Zinsen, desto höher kann das KGV sein. In der Tat sind die Zinsen in den letzten 40 Jahren von gut 16 % in den USA auf nun 1,5 % abgesunken und parallel ist das KGV für den S&P 500 von acht vor gut 40 Jahren auf aktuell 30 angestiegen. Der Kehrwert des KGVs ist somit weiterhin über dem aktuellen Zinssatz.


Quelle: BayernInvest; Stand: Juni 2021


Würde man die Risikoprämie jedoch auf Basis der aktuellen Inflation betrachten, anstatt der 10-Jährigen US-Staatsanleihen, so fällt auf, dass die Attraktivität nicht mehr gegeben ist. In den letzten 40 Jahren kam dies dreimal vor, konkret in den Jahren 1987, 2000 und 2008. Auch wenn sich das damalige Umfeld nicht mit den aktuellen Gegebenheiten vergleichen lässt, so werden die Märkte die Teuerung und deren Entwicklung sehr eng verfolgen, genau wie wir. Die Inflationsrate zieht vor allem aufgrund der Nachholeffekte infolge der Pandemie an. Sollte sich jedoch aus diesem temporären Effekt ein längerer Inflationsanstieg entwickeln, stehen den Kapitalmärkten unruhige Börsenmonate bevor. Unter Einbezug der Ankündigung, dass die US-Notenbank über eine Drosselung der Obligationskäufe bzw. über Zinserhöhungen nachdenkt und dem Kapitalmarkt damit seinen wichtigen Treibstoff entzieht, birgt diese Situation eine herausfordernde Entwicklung. Diese Aspekte, aber auch die sehr positiven Markteinschätzungen in Kombination mit einer hohen Erwartungshaltung, haben uns dazu veranlasst, unsere Aktiengewichtung über den Sommer auf neutral zurückzunehmen und nur einen leicht positiven Risiko-Bias im Portfolio zu empfehlen.

Im Einklang mit unserem Reflationsszenario sehen wir weiterhin bei den zyklischen Sektoren wie Energie, Industrie und Finanzen ein besonders starkes Gewinnwachstum. Für den Technologiesektor erwarten wir eine Konsolidierung. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Zum einen belasten die Bestrebungen der chinesischen Behörden, den Technologiesektor stärker zu regulieren, zum anderen drohen die Auswirkungen durch steigende Zinsen und die weniger stark als erwarteten Zuwächse für Aktienrückkaufprogramme bei gleichzeitig starker Anlegerfavorisierung, den Technologiesektor besonders zu treffen.

Im Anleihebereich bevorzugen wir mittlere bis kurze Laufzeiten, wobei wir selektiv einige Themen und Nischenmärkte beimischen. So schätzen wir vor allem die Segmente Schwellenländeranleihen, Hochzinsanleihen und Nachranganleihen als attraktiv für das Jahr 2021 ein. Aufgrund weiterhin zu erwartender, temporär volatiler Marktphasen bieten sich   Staatsanleihen mit mittleren Laufzeiten und inflationsgeschützte Staatsanleihen an. Sie stellen als hochliquide Anlageinstrumente einen Anker für das Portfolio während temporär schwacher Marktphasen dar. Im Zuge der Attraktivität der Schwellenländer haben wir hier unsere Positionen erneut ausgebaut.

Im Bereich der alternativen Anlagen sehen wir nach wie vor physisch hinterlegtes Gold als attraktives Investment an, genauso wie Infrastruktur- und Immobilien-Investments.

Zusammenfassend erwarten wir für das aktuelle Jahr folgende Entwicklungen und Trends:

  • Die Wirtschaftsdynamik bleibt auf Erholungskurs mit einem globalen Wirtschaftswachstum gen +6 %. Unser Szenario der Reflation, in dem die Geldflut das Wachstum ankurbelt und dadurch die Inflationsraten steigen, bildet unser Basisszenario für das aktuelle Jahr.
  • Die wirtschaftliche Erholung wird ferner von den vielen Konjunkturprogrammen angetrieben. Biden verabschiedete kürzlich weitere US-Konjunkturprogramme wie zum Beispiel 250 Mrd. US-Dollar für den Ausbau der Halbleiterproduktion und 1.200 Mrd. US-Dollar für den Ausbau von Straßen, Brücken, Breitband und Stromnetz.
  • Die kurzfristigen Zinsen werden in der Eurozone im aktuellen Jahr weiter auf den tiefen Niveaus verharren. Die Zinsen am langen Ende werden jedoch bedingt durch die Erholung und die Zunahme der Inflation weiter anziehen, weswegen wir die 10-jährigen US-Staatsanleihen bei 1,8 % und die 10-jährigen Bundesanleihen bei 0,0 % gen Jahresende sehen.
  • Risikoanlagen und damit Aktien bleiben attraktiver als Staatsanleihen, obgleich die Bewertungen zum Teil hohe Niveaus erreicht haben und damit nicht mehr günstig sind.
  • Für unsere Kundenportfolios empfehlen wir eine leicht konstruktive Risikostruktur mit Fokus auf nachhaltigen Substanzaktien und Unternehmensanleihen unter selektiver Beimischung von sicherheitsorientierten Anlagesegmenten wie Staatsanleihen und Gold.
  • Für die Asset Allokation sollte dementsprechend eine leicht offensive Risikoallokation angestrebt werden mit einem Schwerpunkt auf Qualitäts- und Substanzaktien aus den Schwellenländern, den USA und europäischen exportlastigen Sektoren. Auf der Anleiheseite raten wir zu kurzen bis mittleren Laufzeiten unter Beimischung von Schwellenländeranleihen und Hochzinsanleihen, welche vor dem Hintergrund der derzeit attraktiven Bewertungen sinnvoll erscheinen.
  • Alternative Anlagen vervollständigen unser Portfolio dank ihres Diversifikationscharakters und ihrer attraktiven Ausschüttungen.

Die Portfolioveränderungen unserer Hausmeinung basieren auf dem BayernInvest Investmentansatz mit den drei Säulen:


Quelle: BayernInvest; Stand: 2021


Veränderungen an den Kapitalmärkten werden situativ und fortlaufend im BayernInvest Investmentansatz berücksichtigt.

Im Kern unseres Ansatzes streben wir eine solide Rendite basierend auf dem Fokus auf nachhaltigen robusten Substanzanlagen an. Im Laufe des zweiten Quartals haben wir unsere Aktienquote von Übergewichten auf Neutral zurückgefahren. Die Gründe hierfür sind zum einen, dass wir nach einem zweistelligen Anstieg erste Gewinne mitgenommen haben und zum anderen, dass das sehr positive Marktsentiment gepaart mit hohen Marktwachstumserwartungen über den Sommer für Enttäuschungspotential sorgen könnte. Die teils hohen Wirtschafts- und Gewinnwachstumszahlen sind größtenteils diskontiert, wodurch die Korrekturwahrscheinlichkeit wächst. Wir sehen die Gewinnerwartungen der Unternehmen weiterhin unterstützend, jedoch nicht mehr für alle Sektoren und für die gesamte Marktbreite. Wir raten nach wie vor dazu an, zyklische Sektoren wie Energie und Finanzen zu bevorzugen und Schwellenländerunternehmen im Aktien- und im Anleihe-Segment stärker zu gewichten.

Im Zuge des Ausbaus der robusten Einkommensstrategie im Kern des Portfolios haben wir über zwei weitere Schritte unsere Schwellenländeranleihen (Emerging Markets) EM-Exposure über EM-Staatsanleihen und EM-Unternehmensanleihen weiter aufgebaut. Beide Segmente haben über einige Wochen konsolidiert und bringen weitere positive Einkommensquellen mit teilweise 3-4 % Kupons bei mittleren Laufzeiten in das Portfolio ein.

Ein weiterer Schritt in Richtung robustere Portfolioaufstellung ist uns gelungen, indem wir erstmalig US-Staatsanleihen in das Portfolio aufgenommen haben. Durch die stark gestiegenen Zinsen im 10-jährigen Segment haben wir, basierend auf dem attraktiven Kupon von 1,6 %, welcher auch nach Währungsabsicherung attraktiv bleibt, eine erste Position ins Portfolio aufgenommen. Sobald die Zinsen weiter steigen, werden wir zusätzliche Schritte unternehmen, um unser Portfolio mit US-Staatsanleihen anzureichern. Amerikanische Staatsanleihen bieten einen exzellenten Diversifikationseffekt bei gleichzeitig zunehmender Attraktivität über den Kupon, sodass sich die Robustheit des Portfolios deutlich verbessert.

Abschließend haben wir in unserer Kernsäule der robusten Anlagestrategie den Block alternativer Anlagen weiter ausgebaut. Wir haben uns für einen Infrastrukturfonds entschieden, der zum einen als alternative Einkommensquelle die Ertragskraft des Portfolios und zum anderen als Diversifikationsinstrument die Resilienz des Portfolios stärkt.

Unser Anlageansatz wird zudem über aktives Opportunitätsmanagement in Form einer aktiven antizyklischen taktischen Asset Allokation ergänzt. Im Rahmen dieser aktiven Asset Allokation haben wir im Laufe des zweiten Quartals unsere Duration in einer Phase taktisch verlängert, als die 10-jährigen Bundesanleihen nahe der Nulllinie bei -0,07 % standen. Einige Wochen später, als die Renditen gen -0,19 % zurückfielen, haben wir unsere Duration wieder verkürzt und die taktische Position mit Erfolg geschlossen. Der Grund für diesen kurzfristigen Schritt lag in dem überzogenen Sentiment, da viele Marktteilnehmer die Sorgen um ein mögliches Tapering der Zentralbanken ausblendeten, während wir strategisch weiterhin über die mittlere Sicht von einem Zinsanstieg ausgehen.

Mit einem weiteren taktischen Schritt haben wir in Anbetracht der Goldkonsolidierung unsere Gold-Quoten auf einem Niveau nahe 1.700 US-Dollar verdoppelt und bei etwas über 1.900 US-Dollar, nach einem gut zehnprozentigen Anstieg, erfolgreich Gewinne im Portfolio mitgenommen. Gold ist und bleibt eine mögliche Portfolioabsicherung für unruhige Zeiten und gehört daher in jedes Portfolio. Einen weiteren taktischen Schritt haben wir im High Yield-Segment unternommen. Wir raten zwar weiterhin, dieses Segment überzugewichten, hatten jedoch zum Jahreswechsel die Position taktisch ausgebaut. Nach einer guten Performance von 2 % im Laufe des ersten Halbjahres haben wir Gewinne mitgenommen.

Da wir mit unserem Anlageansatz auch aktives Risikomanagement betreiben, die Erwartungen am Kapitalmarkt ständig hinterfragen und unsere Sensitivitäten dementsprechend kontinuierlich überprüfen, haben wir unsere Portfolios vor dem sich stärker entwickelnden Risiko einer steigenden Inflation weiter angepasst.

Um unsere Portfolios nachhaltig robuster gegen einen Anstieg der Inflation zu schützen und von den Spreadausweitungen zu profitieren, haben wir erneut inflationsgeschützte Anleihen zugekauft, konkret italienische Inflation Linked Bonds. Dieser antizyklische Schritt erhöht die Resilienz der Portfolios gegen eine weiter anziehende Inflation.

Einen weiteren Schritt in Bezug auf aktives Risikomanagement haben wir vollzogen, indem wir das Credit Beta unseres Portfolios reduziert haben. Da vor allem die Spreads bei Investmentgrade Unternehmensanleihen sehr eng zusammengelaufen sind und aktuell unter dem historischen Median notieren, sehen wir wenig Aufwärtspotential für dieses Segment. Als Folge der geschrumpften Attraktivität haben wir aktiv Gewinne mitgenommen und gewichten dieses Segment nun leicht unter. Ähnlich verhält es sich mit Nachranganleihen, die wir nach wie vor signifikant im Portfolio halten, jedoch haben wir auch hier, basierend auf der abnehmenden Attraktivität, Gewinne mitgenommen und die Gewichtung auf Neutral zurückgeführt. Wir versuchen so, über alle drei Säulen des BayernInvest Investmentansatzes unserer ausgewogenen nachhaltigen Substanz-Strategie eine attraktive Rendite für unsere Kunden zu generieren.


Spezialthemen: Was ist los im Krypto-Land - folgt nun der Kater nach dem Einbruch?

Zuletzt hatten die Kryptowährungen eine äußerst turbulente Zeit. Der Abverkauf des „Titanium-Token“ zeigte eindrucksvoll, wie schnell sich Krypto-Vermögen in kürzester Zeit in Luft auflösen können. Viele Anbieter preisen die Wertstabilität und dennoch fiel der Iron Titanium-Token im Juni von 60 US-Dollar auf quasi null. Krypto-Anlagen gelten als der nächste Trend auf dem Weg in die dezentrale Finanzwirtschaft der Zukunft und mit ihnen kommt den sogenannten Stablecoins eine besondere Bedeutung zu. Auf dieser Basis wurden weitere neue Kryptowährungen entwickelt, die mittlerweile Milliarden wert sind, und es kommen weitere hinzu. Die bekannteste Kryptowährung ist der Bitcoin. Beim Bitcoin ist stellvertretend für andere Kryptowährungen festzuhalten, dass sie gegenüber traditionellen Assetklassen eine deutlich höhere Volatilität aufweist. Auch Bitcoin konnte in den letzten Jahren massiv steigen, jedoch bei gleichzeitig zunehmender Schwankungsbreite.

Sieht man sich das Wachstum der Kryptowährungen gegenüber den anderen Währungen an, wird klar, warum Zentralbanken nicht mehr tatenlos zusehen können. Das gestiegene Handelsvolumen, das sehr hohe Medieninteresse und der seit Jahren stark steigende bargeldlose Zahlungsverkehr lassen die nationalen Regulatoren auf den Plan treten, um aus einem dezentralen, unregulierten Konstrukt einen kontrollierten, regulierten Markt(-platz) zu machen. Letztlich geht es dabei um den Schutz von Konsumenten, Unternehmen und Regierungsorganisationen und damit um eine effektive Regulierung des Marktes.

Alleine die Ankündigungen Chinas und Amerikas, Kryptowährungen stärker kontrollieren und regulieren zu wollen, hat zu einem massiven Kursverlust geführt, was wiederum die Sensibilität dieses Themas unterstreicht. In den USA haben kürzlich Abgeordnete und Fachleute der US-Notenbank bemängelt, dass die Konsumenten nicht geschützt sind, falls einer der Stablecoin-Anbieter nicht über ausreichend Sicherheiten verfügen sollte, mit denen die Token angeblich unterlegt sind. Ferner werden Befürchtungen laut, dass Milliarden Dollarbeträge bewegt werden, ohne das streng beaufsichtigte Bankensystem zu involvieren und damit Tür und Tor für illegale Transaktionen und Geldwäscherei zu öffnen. Diese Entwicklung ist sowohl für Banken als auch für Konsumenten gefährlich, da die Gelder nicht der Einlagensicherung unterliegen. Dabei gehen die einzelnen Länder höchst unterschiedliche Wege mit unterschiedlichen Interessen. Zuletzt hatte El Salvador für Aufsehen gesorgt, nachdem es eine Gesetzesinitiative gestartet hatte, worin Bitcoin als Zahlungsmittel zugelassen werden solle. Soweit sind die hier aufgeführten Länder und Institutionen nicht.

Die EU-Kommission wird bis Ende 2021 ein Regelwerk aufsetzen, wie Kryptowährungen als zugelassenes Finanzinstrument eingesetzt werden können. Dazu werden die bekannten Regelwerke wie MiFiD ergänzt und neue Regeln speziell für Kryptowährungen, MiCAR, aufgesetzt werden. Die deutsche Bundesregierung will bis Ende 2021 eine KWG-Novelle verabschieden, worin die Details einer Kryptotransaktion geregelt sind. Das britische Finanzministerium verfolgt einen anderen Ansatz als die EU. Während die EU ein umfassendes Marktregelwerk entwickeln möchte, ist dem britischen Regulator daran gelegen, so viel Handelsvolumen wie möglich über den Finanzplatz London zu leiten. Entsprechend sind die Gesetzesinitiativen ausgerichtet. Zeitfenster ist auch hier Ende 2021.

In den USA ist die Regulation durch den Regierungswechsel kurzfristig ins Stocken geraten, dafür nahmen die Aktivitäten aber zuletzt deutlich an Fahrt auf. Ziel ist es, die Transaktionen aller Kryptowährungen zu regeln, so wie es im traditionellen Zahlungsverkehr üblich ist, nur eben angepasst an die Besonderheiten der Kryptowährungen. Besondere Schlagkraft haben die Steuerpläne der USA, Kryptozahlungen dem amerikanischen Steuerregime zu unterwerfen bzw. sie durch die Steuerbehörde regulieren und überwachen zu lassen. Jerome Powell, der Notenbankgouverneur, ließ erst kürzlich verlauten, es werde noch Jahre dauern, bis ein Krypto-Dollar eingeführt wird, weshalb man den Fokus jetzt auf eine angemessene Regulierung und Aufsicht richten müsse.

In Asien unterscheiden sich die Ansätze zwischen den Ländern derweil deutlich. Während China offen von Verboten der Verwendung von Bitcoin und anderen Kryptowährungen als Zahlungsmittel spricht, wollen sich Singapur und Japan,

ähnlich dem britischen Ansatz, als Handelsplatz für Kryptowährungen etablieren. China geht den genannten Weg, da man selbst bereits in der Pilotphase ist, um eine eigene Kryptowährung einzuführen. Die Intention der chinesischen Regierung ist klar zu erkennen. China verzeichnet seit Jahren ein explosives Wachstum im inländischen bargeldlosen Zahlungsverkehr, welcher weitestgehend unreguliert ist. Dem versucht die chinesische Zentralbank Einhalt zu gebieten, indem sie einen digitalen Yuan entwickelt.

Der Druck auf die Regierungen, hier aktiv zu werden, ist deutlich zu spüren, insbesondere, wenn man die Rolle der nationalen Zentralbanken als ultimative Gläubiger einer Volkswirtschaft sieht. Sollten sich Kryptoassets in einer zukünftigen Krisensituation der Regulierung entziehen, wäre das ein nicht zu steuerndes systemisches Risiko, bei dem keine Instrumente zur Verfügung stehen.

Der Titanium-Token hat gezeigt, dass die Beständigkeit eines Algorithmus nicht immer gewährleistet werden kann. Wie sich herausstellte, war der Titanium-Token falsch programmiert, sodass sich der Token entgegen der Strategie rasant vermehrte und so die zweifelhafte Substanz verwässerte. Wir gehen davon aus, dass dieser Markt stärker reguliert werden wird, um zukünftig einer Art Einlagensicherung zu unterstehen. Dies bedingt, dass ggf. die Anbieter auch über eine Banklizenz verfügen müssten, was noch nicht abschließend geklärt ist, und, dass die Anbieter eine Erlaubnis seitens der Zentralbank benötigen, was durchaus absehbar ist.

Eine höhere Transparenz wird Vertrauen schaffen, das kürzlich beim Anbieter Thether durch Falschinformation erschüttert wurde. Sobald das Vertrauen wächst, werden auch mehr Konsumenten in einem regulierten Rahmen diese elektronischen Zahlungsmittel nutzen, welche vermutlich von den Zentralbanken selbst emittiert und reguliert werden können. Die Technologie ist und bleibt interessant und wird, sofern richtig programmiert, ihren Beitrag zur Digitalisierung leisten. Als Investment für unsere Asset Allokation kommen Kryptowährungen jedoch nicht in Betracht, da die Gefahren und die Volatilität aktuell gegen eine Aufnahme in ein Portfolio sprechen. Ferner ist das sogenannte Data-Mining ein momentan noch sehr energieintensiver Prozess, was dazu geführt hat, dass einige Länder, die mit Stromknappheit kämpfen, diese energieintensiven Data-Mining-Prozesse punktuell verbieten. Die Nachhaltigkeitsdiskussion dieser energieintensiven Assets ganz außen vor belassen. Nichtsdestotrotz gibt es viele spannende Technologieunternehmen, die mit diesem Trend interessante Investitionen darstellen.


Quelle: Bloomberg; Stand: Juni 2021



Fazit

Für den weiteren Verlauf des Jahres 2021 erwarten wir stabile zweistellige Gewinnwachstumsraten seitens der Unternehmen in unserem Basis-Szenario der Reflation. Die Aktienmarktrenditen werden sich unserer Ansicht nach im unteren einstelligen Bereich einpendeln, wobei die hohen Markterwartungen Konsolidierungsphasen wahrscheinlicher werden lassen. Für unsere Anlagestrategie bedeutet dies, dass wir unsere aktuell leicht offensiv ausgerichtete Asset Allokation beibehalten. Die zu erwartende Volatilität an den Märkten wird im Börsenjahr 2021 Opportunitäten bieten, die wir, wie auch schon im ersten Halbjahr, antizyklisch ergreifen werden. Wir werden dementsprechend aktiv und antizyklisch innerhalb unserer verantwortungsvollen nachhaltigen Anlagestrategie agieren, die neben der Integration von Nachhaltigkeitsaspekten (Umwelt, Soziales und gute Unternehmensführung) über aktives Engagement auch Aspekte des wirkungsorientierten Anlegens einbindet.

Die Hauptrisiken sehen wir im Bereich der Zentralbanken und der Makropolitik, gepaart mit Unsicherheiten seitens der zunehmenden Inflationsängste und die damit einhergehenden Veränderungen am Zinsmarkt, sollten die Zinsen weiter anziehen und die Zentralbanken dementsprechend reagieren. Ferner sind die Entwicklungen hinsichtlich der Pandemie und der Ausbreitung neuer Mutationen des Covid-19 Virus eine mögliche Risikoquelle, wie auch die kürzlich aufkeimenden geopolitischen Spannungen im Nahen Osten.

Das volatile Marktumfeld wird weiterhin bestehen bleiben. Unsere Portfolios sind entsprechend robust ausgerichtet. Somit tragen wir dem aktuellen Umfeld bestmöglich Rechnung. Für das zweite Halbjahr 2021 haben wir unsere ausgewogene, leicht konstruktive Risikostruktur in den Portfolios angepasst, um im Anlagejahr eine Balance zwischen Risiko und Chance zu gewährleisten. Wir sind konstruktiv, aber risikobewusst investiert und beobachten die Veränderungen sehr genau, um gegebenenfalls antizyklisch zu agieren.

BayernInvest Musterportfolio Allokation: Konservativ, ausgewogen und dynamisch.


Quelle: BayernInvest; Stand: Q2 2021


Quelle: BayernInvest; Stand: Q2 2021



Daniel Kerbach


Von Daniel Kerbach,
Chief Investment Officer der BayernInvest